Rho einer Option – Definition & Beispiel

Autoren: Philipp Berger Philipp-Malte Lingnau

Das Rho einer Option gibt an, wie empfindlich ihr Preis auf eine Änderung des risikofreien Zinssatzes um einen Prozentpunkt reagiert. Somit eignet sich diese Sensitivitätskennzahl, um das Gesamtpotenzial eines Optionsportfolios gegenüber Änderungen des risikofreien Zinssatzes zu bewerten. Rho wird oft weniger beachtet als Delta, Vega oder Theta. Es gewinnt jedoch an Bedeutung, wenn die Zinsen stark steigen, fallen oder ungewöhnlich volatil sind – insbesondere bei lang laufenden Optionen.

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Rho einer Option – Definition

Das Rho einer Option misst, wie stark sich der Preis einer Option ändert, wenn der risikofreie Zinssatz um 1 Prozentpunkt steigt oder fällt, bei konstanten anderen Faktoren. Beispielsweise bedeutet ein Rho von 1,00, sofern es praxisüblich pro 1 Prozentpunkt Zinsänderung ausgewiesen wird,, dass sich der Optionspreis bei einem Zinsanstieg um 1 Prozentpunkt theoretisch um 1,00 Geldeinheit verändert.

Hinweis: Rho zeigt, wie stark die Optionsprämie von den Zinsen abhängt. Je nach Restlaufzeit und Geldnähe kann ein spürbarer Zinsanstieg bzw. eine Zinssenkung den Optionspreis genauso stark bewegen wie Delta (Aktienkurs) oder Vega (Volatilität). Besonders relevant ist Rho, wenn größere Zinsänderungen erwartet werden oder lange Laufzeiten vorliegen. Das reine Zinsniveau allein ist nicht ausschlaggebend.

Berechnung des Rho einer Option

Wie die anderen Sensitivitätskennzahlen kann auch Rho im (erweiterten) Black-Scholes-Modell berechnet werden. Die geschlossenen Formeln gelten insbesondere für europäische Optionen. Für amerikanische Optionen sind dagegen angepasste bzw. numerische Modelle üblich.

In der Praxis übernehmen Händler- und Emittenten-Systeme diese Berechnung automatisch. Das Ergebnis wird häufig als Preisänderung je 1 Prozentpunkt Zinsbewegung ausgewiesen (z. B. Rho = 0,45 entspricht einer Preisänderung von ca. 0,45 EUR je 1 Prozentpunkt Zinsbewegung).

Hinweis: Die Berechnung dieser Kennzahl erfolgt unter der Annahme „ceteris paribus“. Andere preisbildende Faktoren werden nicht berücksichtigt.

Mathematische Bedeutung des Rho

Aus mathematischer Sicht entspricht Rho der partiellen Ableitung der Optionspreisformel nach dem stetigen risikofreien Zinssatz 𝑟. Es misst somit, wie empfindlich der Optionspreis auf kleine Änderungen des Zinssatzes reagiert, während alle anderen Parameter (Kurs, Volatilität, Laufzeit usw.) konstant gehalten werden.

Mathematisch gilt näherungsweise: ΔOptionspreis ≈ ρ × Δr, wobei der Zinssatz in der Modellformel in Dezimalschreibweise eingeht. Eine Änderung um 1 Prozentpunkt entspricht daher Δr = 0,01. Viele Handelsplattformen skalieren Rho jedoch auf 1 Prozentpunkt Zinsänderung. Dann steht ein ausgewiesenes Rho von 0,45 für ca. 0,45 Geldeinheiten Preisänderung je 1 Prozentpunkt.

Konkret bedeutet das: Erhöht oder senkt sich der Zinssatz um eine sehr kleine Einheit (infinitesimale Zinsänderung), so verändert sich der Optionspreis näherungsweise um den Rho-Wert multipliziert mit dieser Zinsänderung. Rho misst also die Steigung der Optionspreisfunktion in der r-Dimension an.

Auswirkungen des Rho auf Optionen

Rho ist bei Call-Optionen positiv und bei Put-Optionen negativ. Steigende Zinsen erhöhen den Wert von Calls und verringern den Wert von Puts. Bei fallenden Zinsen verhält es sich umgekehrt (ceteris paribus).

Option Zinssatz (r) Preisänderung (theoretisch, bei Rho je 1 Prozentpunkt) Optionspreis
Call +1 %-Punkt ca. +ρ (ρ > 0) steigt
Call −1 %-Punkt ca. −ρ (ρ > 0) fällt
Put +1 %-Punkt ca. +ρ (ρ < 0) fällt
Put −1 %-Punkt ca. −ρ (ρ < 0) steigt

Hinweis: Gilt für Aktienoptionen (ohne Besonderheiten). Für Short Calls und Short Puts kehrt sich der Preisänderungseffekt aus Sicht der Position um. Bei Optionen auf Futures und FX-Optionen wirken zusätzlich andere Faktoren.

Einflussfaktoren auf Rho

Rho und Geldnähe (Moneyness)

Der absolute Rho-Betrag ist bei Optionen in der Regel am größten, wenn sie tief In The Money (ITM) sind. At The Money (ATM) ist Rho meist moderat, weit Out of The Money (OTM) nähert es sich null.

Rho und der Einfluss der Restlaufzeit

Der absolute Rho-Betrag steigt tendenziell mit der Restlaufzeit, daher reagieren LEAP-Optionen deutlich stärker auf Zinsänderungen als kurz laufende Optionen. Bei sehr kurzer Laufzeit ist Rho meist klein (außer bei Optionen Deep In The Money).

Der Verlauf des Rho von Call-Optionen mit unterschiedlichen Restlaufzeiten kann anhand des folgenden Diagramms visualisiert werden: Die Kurven für 30/90/180/540 Tage zeigen, dass Rho mit zunehmender Restlaufzeit tendenziell steigt, jedoch mit steigendem Strike-Preis fällt. Am stärksten ist dieser Effekt bei tief im Geld liegenden Calls (niedrige Strikes).

Rho Diagramm einer Call-Option
Rho-Diagramm einer Call-Option in Abhängigkeit vom Strike Preis und der Restlaufzeit

Beispiel zur Rho-Entwicklung

Die mathematische Herleitung von Rho ist für Praktiker meist zweitrangig. Wichtig ist zu verstehen, dass sich Rho auf Änderungen des risikolosen Zinssatzes bezieht. Dieser Zinssatz sollte zur Währung und Laufzeit der Option passen.

In den USA können US-Treasuries oder andere marktübliche Zinskurven als Ausgangspunkt dienen. Im Euro-Raum ist €STR die zentrale Overnight-Risk-Free-Rate.

Beispiel 1 – Call-Option (Rho positiv)

Optionsart Optionsprämie vor Zinsänderung Rho Risikoloser Zins
Call-Option 4 EUR 0,25 1 %

Steigt der Zinssatz um 1 Prozentpunkt auf 2 %, erhöht sich der Optionspreis um 0,25 EUR auf 4,25 EUR.

Beispiel 2 – Put-Option (Rho negativ)

Optionsart Optionsprämie vor Zinsänderung Rho Risikoloser Zins
Put-Option 9 EUR -0,35 1 %

Sinkt der Zinssatz um 1 Prozentpunkt auf 0 %, steigt der Optionspreis um 0,35 EUR auf 9,35 EUR. Zum Vergleich: Die Call-Option aus Beispiel 1 würde bei diesem Zinsrückgang um 0,25 EUR auf 3,75 EUR fallen.

Hinweis: Je nach Datenquelle wird Rho pro Aktie bzw. Optionsanteil oder pro Optionskontrakt ausgewiesen. Bei Aktienoptionen mit einem Kontraktmultiplikator von 100 bezieht sich die gesamte theoretische Preisänderung des Kontrakts entsprechend auf 100 Einheiten des Basiswerts. Ein Rho von 0,25 pro Aktie entspricht dann einer theoretischen Änderung von 25 EUR bzw. USD pro Kontrakt, wenn sich der Zinssatz um 1 Prozentpunkt verändert.

Warum beeinflussen die Zinsen den Optionspreis?

Der zentrale Grund ist der sogenannte Cost of Carry. Er beschreibt die Kosten (bzw. Erträge), die entstehen, wenn man den Basiswert (Underlying) bis zum Verfall „trägt“.

Bei Aktien besteht der Carry im Wesentlichen aus Finanzierungskosten (Zins) minus erwarteter Dividenden. Steigen die Zinsen, wird das Halten bzw. Finanzieren teurer und gleichzeitig sinkt der heutige Wert eines künftig zu zahlenden Ausübungspreises (Abzinsung). Ergebnis ceteris paribus: Calls werden tendenziell teurer, Puts tendenziell günstiger.

Unterschiede bei anderen Underlyings

Optionen auf Futures

Bei Optionen auf Futures gibt es keinen sofortigen Geldfluss für den Basiswert (der Future ist ja selbst ein Termingeschäft). Deshalb wirken Zinsänderungen nicht über Finanzierungskosten des Underlyings. Im Black-76-Modell wird der Futures- bzw. Forwardpreis als Underlying-Input verwendet. Wird dieser Preis konstant gehalten, wirken Zinsänderungen primär über die Abzinsung des künftigen Auszahlungsbetrags.

Praktisch kann es jedoch indirekte Effekte geben:

  • Aktienindex-Futures: Steigende Zinsen erhöhen den theoretischen Futures-Preis (da die Opportunitätskosten für das gebundene Kapital steigen und Dividendenzahlungen erst später anfallen).
  • Rohstoff-Futures: Hier können Zinsen über Lagerkosten („Cost of Carry“) oder Finanzierungskosten der Bestände wirken. Höhere Zinsen verteuern typischerweise das Halten physischer Lagerbestände, was sich im Futures-Preis widerspiegeln kann.
  • Zins- und Währungsfutures: Hier ist die Abhängigkeit zu Zinsen naturgemäß direkt, da der zugrunde liegende Future selbst ein Zins- oder Wechselkursversprechen darstellt.

Ändert sich der beobachtete Futures-Preis infolge einer Zinsänderung, wirkt dies wiederum auf den Optionspreis. Dieser Effekt läuft jedoch über den Underlying-Input und wird im Risikomanagement eher als Delta- bzw. Forward-Risiko behandelt, nicht als reiner klassischer Rho-Effekt.

FX-Optionen (Währungsoptionen)

Bei FX-Optionen ist Rho zweigeteilt: Es gibt einen Zinssatz für die Inlandswährung (Domestic Interest Rate) und einen für die Fremdwährung (Foreign Interest Rate). Die folgenden Vorzeichen gelten für eine Notierung des Wechselkurses in Inlandswährung pro Einheit Fremdwährung; bei invertierter Notierung ändert sich die Interpretation.

  • Erhöht sich der heimische Zinssatz, wirkt das ähnlich wie bei einem Aktien-Call (positiv auf Calls, negativ auf Puts, wenn auf den Wechselkurs in heimischer Währung notiert).
  • Erhöht sich der ausländische Zinssatz, kehrt sich das Vorzeichen um.

Formelmäßig steckt dieser Effekt im Garman–Kohlhagen-Modell, das einen inländischen und einen ausländischen Zinssatz ausdrücklich berücksichtigt.

Exkurs: Die Optionsgriechen

In der Finanzmathematik werden Sensitivitätskennzahlen für Derivate oft als „Griechen“ bezeichnet. Sie bilden eine wichtige Grundlage für das Risikomanagement, da sie die Auswirkungen einzelner Rahmenbedingungen auf den Optionspreis klar isolieren und bewerten.

Weitere Optionsgriechen im Überblick:

  • Delta gibt an, wie sich der Optionspreis verändert, wenn der Basiswert um eine Geldeinheit schwankt.
  • Gamma misst den Einfluss der Kursänderung auf das Delta.
  • Theta misst die Sensitivität des Optionspreises gegenüber dem Zeitablauf. Für gekaufte Plain-Vanilla-Optionen ist Theta häufig negativ, das Vorzeichen hängt jedoch von Optionstyp, Position und Modellkonvention ab.
  • Vega misst den Einfluss der impliziten Volatilität auf den Optionspreis.
  • Omega ist eine Hebelkennzahl, die die prozentuale Veränderung des Optionspreises im Verhältnis zur prozentualen Veränderung des Basiswerts angibt.

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