Verbindlichkeiten – Definition & Bedeutung

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Verbindlichkeiten, auch bekannt als „Fremdkapital“, „Schulden“, „Payables“ oder „Accounts Payable“, sind eine Position aus der Unternehmensbilanz (engl. „Balance Sheet“). Sie stellen ein Schuldverhältnis dar, für das das bilanzierende Unternehmen seine Gegenleistung noch zu erbringen hat. Dabei ist eine grundsätzliche Unterscheidung in kurzfristige und langfristige Verbindlichkeiten üblich. Für Investoren kann die Kennzahl beispielsweise bei der Bewertung der Finanzierungsstruktur oder Liquidität eine Rolle spielen und ist die Grundlage verschiedener Bilanzkennzahlen.

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Verbindlichkeiten – Definition

Im Schuldrecht bezeichnet eine Verbindlichkeit die Verpflichtung eines Schuldners gegenüber seinem Gläubiger. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um natürliche oder juristische Personen handelt. Verbindlichkeiten entstehen häufig durch Kaufverträge, können aber auch aus anderen Rechtsgeschäften resultieren. Der Begriff Verbindlichkeiten wird häufig synonym mit „Schulden“ verwendet.

Eine Verbindlichkeit entsteht, sobald eine der Parteien den geschlossenen Vertrag noch nicht erfüllt hat.

Ein Beispiel ist die Lieferung von Waren auf Rechnung. Der Lieferant ist seinerseits durch die Warenlieferung in Vorleistung getreten und hat seinen Teil des Vertrages erfüllt. Die Zahlung steht jedoch noch aus. Dieser Sachverhalt begründet eine Verbindlichkeit.

Das Gegenstück zu einer Verbindlichkeit ist eine Forderung. Der Inhaber einer Forderung wird als Gläubiger bezeichnet, der Inhaber einer Verbindlichkeit als Schuldner.

Im Handelsrecht, welches für Unternehmen Anwendung findet, sind Verbindlichkeiten zudem in der Unternehmensbilanz auszuweisen. Sie werden „passiviert“. Dieser Begriff trägt dem Umstand Rechnung, dass Schulden auf der rechten Bilanzhälfte in den Passiva ausgewiesen werden.

Hinweis: Verträge, bei denen Leistung und Gegenleistung gleichzeitig erfolgen, führen nicht zu einer Verbindlichkeit. Ein gängiges Beispiel hierfür sind Barverkäufe.

Formel und Berechnung

Für gewöhnlich werden Verbindlichkeiten direkt aufgrund der jeweiligen Buchungen in der Finanzbuchhaltung eines Unternehmens ermittelt. Es handelt sich also um die Addition aller passivierten Posten.

In der Bilanzanalyse gibt es jedoch auch einen indirekten Ermittlungsansatz. Dieser kann beispielsweise für unternehmensexterne Bewerter infrage kommen. Hierfür dient das Gesamtkapital eines Unternehmens, auch bekannt als Bilanzsumme, als Grundlage.

Das Gesamtkapital wird um die Eigenkapitalpositionen vermindert und ergibt auf diesem Weg das Fremdkapital. Gegebenenfalls sind Rückstellungen, sogenannte Eventualverbindlichkeiten, von diesem Ergebnis abzuziehen, weil sie keine Verbindlichkeiten im engeren Sinne darstellen.

Verbindlichkeiten=Gesamtkapital-Eigenkapital-Rückstellungen

Verbindlichkeiten – Erklärung, Zusammensetzung und Unterscheidungen

Die grundlegende Voraussetzung für eine Verbindlichkeit ist eine zukünftige Vermögensbelastung. Folglich muss es überwiegend wahrscheinlich sein, dass aus einer Verbindlichkeit auch eine Ausgabe resultiert. Darüber hinaus müssen Verbindlichkeiten ausreichend konkretisiert sein. In diesem Zusammenhang gilt das Außenverpflichtungsprinzip.

Nur wenn eine unternehmensexterne Person Vertragspartei ist, kann überhaupt eine Verbindlichkeit entstehen. Eine Verbindlichkeit eines Unternehmens gegenüber sich selbst ist nicht möglich. Damit eine Verbindlichkeit entsteht, muss sie wahrscheinlich, quantifizierbar und zeitlich bestimmt sein.

  • Wahrscheinlich ist eine Verbindlichkeit dann, wenn damit zu rechnen ist, dass der Gläubiger sie auch einfordert. Gibt es eine Rechnung für erbrachte Dienstleistungen ist davon auszugehen, dass der Gläubiger auf den Ausgleich der Rechnung besteht.
  • Quantifizierbar ist eine Forderung oder Verbindlichkeit, wenn ihr Betrag klar bewertet oder zumindest geschätzt werden kann. Im Fall einer Rechnung ist dies durch den konkreten Betrag gegeben.
  • Abschließend muss der Zahlungszeitpunkt ersichtlich sein. Dabei geht es weniger um eine kalendarische Fixierung als mehr um die Information, wann der Gläubiger die Zahlung in etwa erwartet. Eine Zahlungsbedingung oder ein Zahlungszeitpunkt erfüllen diesen Zweck im Normalfall.

Hinweis: Forderungen und Verbindlichkeiten sind die einzigen Bruttoposten einer Bilanz. Sie beinhalten die jeweilige Umsatz- oder Vorsteuer. Alle übrigen Bilanzpositionen werden ohne Steuer ausgewiesen. Im Rahmen dieser Gesetzmäßigkeit gilt es zu bedenken, dass nicht alle Verbindlichkeiten Steuern beinhalten können, wie etwa Versicherungen, Kosten des Geldverkehrs oder Steuerverbindlichkeiten.

Grundlagen

Verbindlichkeiten sind üblicherweise Geldschulden. Das bedeutet, dass der Schuldner dem Gläubiger einen Geldbetrag zukommen lassen muss. Grundsätzlich kann jedoch jede Form der Vertragserfüllung festgehalten werden.

Beispiel: Ein Unternehmen erhält eine Vorkassenzahlung. Diese stellt eine Verbindlichkeit dar und der Kunde wird zum Gläubiger des Lieferanten. Der Kunde erwartet jedoch keine Zahlung, sondern eine Warenlieferung wie bestellt. Die Verbindlichkeit soll also nicht mit einem Geldwert, sondern mit einem Sachwert beglichen werden. Das Unternehmen hat die Verbindlichkeit mit ihrem Vertragswert, dem vereinbarten Verkaufspreis der Ware, zu passivieren.

Innerhalb einer Unternehmensbilanz sind Verbindlichkeiten in den Passiva, dem Abschnitt für die Mittelherkunft, auszuweisen. Der Posten für Verbindlichkeiten befindet sich unterhalb des Eigenkapitals und der Rückstellungen. Daher trägt er auch den Ordnungsbuchstaben „C“.

Unterhalb dieser Bilanzposition hat ein Unternehmen noch Rechnungsabgrenzungsposten und latente Steuern auszuweisen.

Einordnung von Verbindlichkeiten in der Bilanz

Hinweis: Im Handelsgesetzbuch (HGB) werden verschiedene Verbindlichkeiten explizit definiert. Im Folgenden sollen allerdings nur die praktisch relevanten Positionen zur Sprache kommen. Beispielsweise sind Verbindlichkeiten aus Wechseln kaum noch üblich. In Deutschland existiert dieses Zahlungsmittel praktisch nicht mehr. Auch die Verbindlichkeiten aus verbundenen und beteiligten Unternehmen werden nachfolgend zusammen betrachtet, da es sich in beiden Fällen um Schuldverhältnisse innerhalb eines Konzernes handelt.

Kurzfristige Verbindlichkeiten

Verbindlichkeiten mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr gelten als kurzfristige Verbindlichkeiten. Sie werden häufig bei der Liquiditätsbeurteilung eines Unternehmens berücksichtigt. Das ist darauf zurückzuführen, dass kurzfristige Verbindlichkeiten die Barmittel eines Unternehmens schnell verringern können und ihr Bestand daher eine entscheidungsrelevante Größe sein kann.

In der Praxis entfällt häufig ein hoher Anteil der kurzfristigen Verbindlichkeiten auf Kreditoren. Als Kreditor gelten im Finanzwesen Lieferanten und Dienstleister eines Unternehmens. Der entsprechende Bilanzposten trägt die Bezeichnung „Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen (LuL)“.

Darüber hinaus sind finanzielle Verbindlichkeiten aus Kontokorrentkrediten oder Steuerverbindlichkeiten denkbar. Als Steuerverbindlichkeit gelten nur eingeforderte Steuern aufgrund eines Steuerbescheides. Steuervorauszahlungen haben eher den Charakter einer Forderung gegenüber dem Finanzamt statt einer Verbindlichkeit.

Zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten zählen beispielsweise solche aus…

  • … Lieferungen und Leistungen
  • … Steuerverpflichtungen
  • … erhaltenen Anzahlungen
  • … kurzfristigen Krediten

Langfristige Verbindlichkeiten

Langfristige Verbindlichkeiten zeichnen sich durch eine Fälligkeit von mehr als einem Jahr aus. Auf Basis des HGBs kann diese Kategorie ihrerseits in zwei Stufen unterteilt werden.

Als mittelfristig gelten Verbindlichkeiten mit einer Fälligkeit von ein bis fünf Jahren. Darüber gelten sie zweifelsfrei als langfristig und müssen auch im Anhang der Unternehmensbilanz gesondert erläutert werden.

Die Entstehungsgrundlagen für langfristige Verbindlichkeiten sind üblicherweise weniger vielfältig als die möglichen Gründe für das kurzfristige Gegenstück. Langfristige Bankkredite für die Finanzierung von Immobilien oder Maschinen, ausgegebene Anleihen und Leasingverbindlichkeiten können zu dieser Kategorie zählen.

Zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten zählen beispielsweise solche aus…

  • … Darlehensverträgen
  • … ausgegebenen Anleihen
  • … Finanzierungsleasing

Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen

Verbindlichkeiten und Forderungen innerhalb eines Konzernes stellen eine Sonderform der Schuldverhältnisse dar. Denn für die beiden Parteien gibt es praktisch kein Ausfall- oder Erfüllungsrisiko. Die Entstehungsgrundlage können etwa Lieferungen von einer Produktionsgesellschaft an eine Vertriebsgesellschaft sein. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob der Vertrag mit einer Schwestergesellschaft (gleichberechtigt) oder einer Tochtergesellschaft (untergeordnet) zustande kommt.

Für die Bewertung aus Sicht eines Anlegers ist diese Form der Verbindlichkeiten in der Regel uninteressant. Gegebenenfalls verschwindet der Posten bei der Erstellung der Konzernbilanz (Konsolidierung) sogar.

Sonstige Verbindlichkeiten

Bei den sonstigen Verbindlichkeiten handelt es sich um einen sogenannten antizipativen (vorwegnehmenden) Posten in der Bilanz. Diese Bilanzposition ist dann zu verwenden, wenn ein Aufwand in einer Periode entstanden ist, aber erst in der nächsten Periode bezahlt wird. Zinsen für Kredite sind ein mögliches Beispiel für sonstige Verbindlichkeiten. Diese stehen bereits im laufenden Geschäftsjahr fest, werden jedoch erst im folgenden Jahr abgerechnet.

Bonusverpflichtungen oder Nebenkostenabrechnungen für Immobilien müssen dagegen individuell geprüft werden. Möglicherweise erfüllen sie nicht die Anforderungen an die Quantifizierbarkeit beziehungsweise Wahrscheinlichkeit des Eintritts und gelten damit nicht als Verbindlichkeit.

Nachrangige Verbindlichkeiten

Eine Sonderrolle kommt nachrangigen Verbindlichkeiten in einer Bilanz zu. Es handelt sich dabei um Positionen, die im Falle einer Insolvenz oder Unternehmensauflösung (Liquidation) nach den Forderungen aller anderen Gläubiger erfüllt werden. Beispielsweise können Banken oder Risikokapitalgeber einen Kredit im zweiten Rang gewähren, um ein Unternehmen zu stabilisieren oder aufzubauen. Das Risiko eines solchen Kredites ist jedoch gegenüber vorrangigen Verbindlichkeiten deutlich erhöht, da ein Forderungsverlust wahrscheinlicher ist.

Trotz der begrifflichen Bezeichnung „Verbindlichkeit“ werden Positionen im Nachrang teilweise als eigenkapitalähnlich betrachtet, weil sie eine geringere Verpflichtung für das Unternehmen bedeuten. Nachrangige Verbindlichkeiten müssen z.B. nicht berücksichtigt werden, wenn die bilanzielle Überschuldung im Rahmen eines Insolvenzantrages überprüft wird.

Masseverbindlichkeiten

Der Begriff der Masseverbindlichkeiten stammt aus dem Insolvenzrecht. Aus der Sicht eines insolventen Unternehmens handelt es sich dabei um eine bestimmte Kategorie von Verbindlichkeit. Für gewöhnlich ist es einem insolventen Unternehmen untersagt, Zahlungen auf Verbindlichkeiten zu leisten, die vor dem Datum des Insolvenzantrags gestellt wurden.

Hiervon ausgenommen sind die sogenannten Masseverbindlichkeiten. Diese können vor oder während des Insolvenzantrages entstehen. Vor Insolvenzantrag benötigen sie jedoch dingliche Sicherungsrechte, wie Eigentumsvorbehalte zur Durchsetzung.

Eine Masseverbindlichkeit wird von einem Unternehmen oder dessen Insolvenzverwalter vollständig beglichen. Der Insolvenzverwalter haftet sogar persönlich für die Erfüllung, wenn er während des Insolvenzprozesses eine Bestellung genehmigt hat, aus der eine Verbindlichkeit entstanden ist.

Bewertung von Verbindlichkeiten

Die bilanzielle Bewertung von Verbindlichkeiten hängt eng mit der jeweiligen Rechnungslegungsnorm zusammen. Hier soll auf das deutsche Handelsrecht sowie den internationalen Bilanzierungsstandard IFRS eingegangen werden. Beide Rechnungslegungswerke verfolgen dabei unterschiedliche Bewertungsansätze.

In der Praxis führt dies jedoch nur in Sonderfällen zu abweichenden Bilanzierungswerten. Das HGB schreibt eine Bilanzierung zum sogenannten Erfüllungsbetrag vor. In den IFRS ist der Ansatz zum Fair Value beziehungsweise den Anschaffungskosten gefordert. In beiden Fällen müssen Verbindlichkeiten in Fremdwährungen zum Bilanzstichtag mit dem jeweiligen Kassakurs in die Berichtswährung umgerechnet werden.

Handelsrecht (HGB):

Der Rückzahlungsbetrag im HGB beschreibt den Betrag, den ein Unternehmen für die vollständige Tilgung einer Verbindlichkeit aufwenden muss. Dieser Betrag versteht sich inklusive aller Zinsen und Gebühren (insbesondere bei Finanzverbindlichkeiten relevant). Bei Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen dient der ausgewiesene Rechnungsbetrag als anzusetzender Wert.

Im HGB gibt es dabei eine Besonderheit. Das sogenannte Imparitätsprinzip verbietet Senkungen von Verbindlichkeiten, sofern kein konkreter Buchungsbeleg vorliegt. Die Zusage eines Lieferanten (auch schriftlich) genügt beispielsweise nicht, um die entsprechende Verbindlichkeit auszubuchen. Erst eine Gutschrift würde zu diesem Buchungsvorgang berechtigen. Dieser Ansatz ist dem Vorsichtsprinzip des HGBs geschuldet. Verbindlichkeiten werden dabei tendenziell hoch angesetzt und Forderungen vergleichsweise niedrig. Dies soll dem Schutz von potenziellen Fremdkapitalgebern dienen.

IFRS:

Der Fair Value Ansatz der internationalen Rechnungslegung führt häufig zu den gleichen Ergebnissen wie der Ansatz zum Erfüllungsbetrag. Im Fall einer Lieferantenrechnung ist beispielsweise ebenfalls der Rechnungsbetrag maßgeblich. Ausnahmen sind jedoch unter anderem bei der Bewertung von Anleihen möglich, da Auf- und Abgelder anders bewertet werden.

Interpretation der Kennzahl

Die Verbindlichkeiten eines Unternehmens können für Investoren und andere Stakeholder verschiedene Rückschlüsse zulassen und als Basis für weitere Überlegungen dienen.

Kapitalstruktur

Beispielsweise sind sie Ausgangspunkt für die Finanzierungsstruktur eines Unternehmens. Verschiedene Verhältniskennzahlen beschreiben daher das Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital. Die Summe aller Verbindlichkeiten und Rückstellungen ist dabei mit dem Fremdkapital gleichzusetzen. Für die Interpretation des Fremdkapitalanteils in einem Unternehmen sind vor allem die Risiko- und Renditebetrachtung wichtig.

Je höher der Anteil des Fremdkapitals, desto höher steigen üblicherweise die Zinsen. Dies kann den Cash Flow negativ beeinflussen. Darüber hinaus hat das Unternehmen weniger Spielraum, wenn es kurzfristig Geldmittel benötigt. Dem entgegen steht der sogenannte Leverage Effekt. Dieser besagt, dass sich die Eigenkapitalrendite eines Unternehmens positiv mit steigender Verschuldung entwickelt, sofern die Gesamtkapitalrendite oberhalb der Zinsen liegt. Eine hohe Summe an Verbindlichkeiten wäre nach dieser Überlegung ein positiver Indikator.

Mögliche Kennzahlen sind:

Cash Flow und Liquidität

Neben der Kapitalstruktur können Verbindlichkeiten auch die Liquidität eines Unternehmens beeinflussen. Beispielsweise führen zinstragende Verbindlichkeiten (in der Regel langfristige Verbindlichkeiten) zu regelmäßigen Zinszahlungen, die einen Teil der Unternehmensliquidität verbrauchen. Für die gängigen Liquiditätskennzahlen werden jedoch überwiegend die kurzfristigen Verbindlichkeiten verwendet.

Dieser Ansatz beruht auf dem Umstand, dass kurzfristige Verbindlichkeiten in einem absehbaren Zeitraum zu Auszahlungen führen. Für diese Auszahlungen müssen genügend Finanzmittel zur Verfügung stehen. Andernfalls droht die Zahlungsunfähigkeit. Die drei grundlegenden Liquiditätskennzahlen bestehen daher immer aus Vermögenspositionen der Bilanz, die durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten geteilt werden.

Der daraus entstehende Prozentsatz gibt an, welchen Teil der Verbindlichkeiten ein Unternehmen mit seinen Vermögensgegenständen abdecken kann. Sowohl Investoren als auch Unternehmen können folglich mithilfe der Verbindlichkeiten Rückschlüsse auf die Liquidität ziehen. Unternehmen selbst können ihre Zahlungsfähigkeit mit diesem Wissen sogar aktiv steuern.

Mögliche Kennzahlen sind:

Betriebsnotwendiges Vermögen und Vermögensumschlag

Die Interpretation der Verbindlichkeiten kann Investoren auch zum Working Capital und dem Cash Conversion Cycle führen. Bei der Berechnung des Working Capitals spielen Verbindlichkeiten eine entscheidende Rolle. Sind sie überdurchschnittlich hoch, kann sich das Working Capital zu stark verringern oder sogar negativ werden. Dies kann beispielsweise für stark gehemmte Wachstumsmöglichkeiten und eine Überschuldung sprechen.

Direkt mit dem Working Capital und dessen Berechnung in Verbindung steht der Cash Conversion Cycle. Daher wird dieser auch als „Working Capital Cycle“ bezeichnet. Das Ziel von Unternehmen ist grundsätzlich ein negativer Cash Conversion Cycle. Dies ist dann der Fall, wenn die Kreditorenlaufzeit (Days Payable Outstanding / DPO) die Summe aus Debitorenlaufzeit und Produktions- / Lagerzyklus übersteigt. Dann finanzieren die Lieferanten praktisch das gesamte operative Geschäft. Hierfür können hohe Verbindlichkeiten ein Indikator sein.

Mögliche Kennzahlen sind:

Analyse der Verbindlichkeiten im Zeitverlauf

Eine vergleichende Bewertung der Verbindlichkeiten selbst kann unter anderem im Zeitverlauf stattfinden. Hierbei werden die jeweiligen Bilanzpositionen aufeinander folgender Perioden miteinander verglichen. Die Entwicklung der Verbindlichkeiten kann auch grafisch dargestellt werden.

Steigende Verbindlichkeiten können beispielsweise auf eine schlechtere Zahlungsmoral oder -fähigkeit hindeuten. Werden die eigenen Lieferantenrechnungen später bezahlt, steigt der Verbindlichkeitsbestand. Andererseits können steigende Verbindlichkeiten auch auf positive Entwicklungen hindeuten. Beispielsweise können steigende Umsätze zu einem Anstieg der Verbindlichkeiten führen. Denn mit einem erhöhten Umsatz gehen beispielsweise mehr Materiallieferungen einher, aus denen im Nachhinein eine Verbindlichkeit entstehen kann.

Gleichzeitig können sinkende Verbindlichkeiten sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Einerseits können sie auf ein geringeres Risiko und pünktliche Zahlungen hindeuten. Andererseits besteht das Risiko, dass der Rückgang an Verbindlichkeiten auf sinkende Umsätze oder Investitionen zurückzuführen ist.

Für eine abschließende Beurteilung ist die Verwendung weiterer Kennzahlen notwendig. Wird der Umsatz direkt mit den Verbindlichkeiten verglichen, lässt sich erkennen, ob beide Werte sich proportional entwickeln.

Wünschenswert wäre eine stärkere Erhöhung des Umsatzes, die den Verbindlichkeitsanstieg überkompensiert. Durch die Nutzung von Skaleneffekten in der Produktion tritt diese Konstellation in der Unternehmenspraxis immer wieder ein. Darüber hinaus können die Verbindlichkeiten beispielsweise mit Investitionsausgaben (CapEx) oder der Marge eines Unternehmens verglichen werden.

Analyse im Unternehmensvergleich

Neben der Analyse der Kennzahl im Zeitverlauf ist auch ein Vergleich zwischen verschiedenen Unternehmen möglich. Sinnvoll sind in der Regel nur Vergleiche zwischen Unternehmen einer Branche, da für diese Gesellschaften die gleichen Grundannahmen gelten. Zwischen verschiedenen Branchen können auch die Bilanzstrukturen der Unternehmen stark variieren. Beispielsweise benötigen Produktionsunternehmen in der Regel mehr Kapital als Dienstleistungsunternehmen.

Generell stellen Verbindlichkeiten für Unternehmen einen Risikofaktor dar. Das ist darauf zurückzuführen, dass Fremdkapital anders als Eigenkapital einen Rückzahlungsanspruch besitzt. Das Kapital muss also auf absehbare Zeit wieder zurückgezahlt werden und sich bis zu diesem Zeitpunkt rentieren. Das Risiko besteht zum einen darin, dass keine positive Rendite mit dem eingesetzten Kapital möglich ist. Darüber hinaus kann es zu Problemen bei der Rückzahlung kommen. Daher hat der Fremdkapitalanteil beziehungsweise die Höhe der Verbindlichkeiten einen wesentlichen Einfluss auf die Bewertung der Kreditwürdigkeit.

Internationale Ratingagenturen betrachten eine hohe Verschuldung allgemein als negativen Aspekt und können hierfür Abwertungen vornehmen. Ein Unternehmen, das bereits hohe Rückzahlungsansprüche zu erfüllen hat, ist möglicherweise nicht fähig, weitere Schulden aufzunehmen.

Dies kann beispielsweise dazu führen, dass es Chancen (bspw. Akquisitionen) nicht wahrnehmen kann, weil die nötigen Geldmittel fehlen und die Kreditlinien bereits ausgeschöpft sind. Daher wird im direkten Vergleich das Unternehmen mit weniger Schulden besser bewertet, sofern alle anderen Faktoren identisch sind. Hierbei geht es jedoch um eine Risikobetrachtung, die vorrangig für Gläubiger interessant ist. Eine positive Rendite für Investoren ist davon unabhängig sowohl bei hoher als auch bei niedriger Verschuldung möglich.

Hinweis: Die Bewertung der Schuldenhöhe im Unternehmensvergleich kann abhängig vom Standpunkt der Bewerters variieren. Inhaber von Unternehmensanleihen favorisieren möglicherweise niedrige Verbindlichkeiten, während Investoren bereit sein können, deutlich höhere Werte zu akzeptieren.

Nachteile der Verbindlichkeiten als Kennzahl

Neben den verschiedenen Anwendungs- und Interpretationsmöglichkeiten der Verbindlichkeiten gibt es auch Nachteile und Einschränkungen der Kennzahl. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die mögliche Einflussnahme durch die Unternehmen. Schulden können direkt von einem Unternehmen gesteuert werden. Um niedrigere Werte zu erreichen, werden Rechnungen vorzeitig bezahlt oder Kredite vor Fälligkeit abgelöst. Im Gegenzug kann eine Erhöhung der Verbindlichkeiten durch die Aufnahme von Fremdkapital und die verzögerte Rückzahlung erreicht werden.

Gleichzeitig handelt es sich um eine statische Kennzahl. Das bedeutet, dass die Ermittlung zum jeweiligen Bilanzstichtag stattfindet. Die Entwicklungen davor und danach sind für Unternehmensfremde nicht ersichtlich. Ein Unternehmen könnte also beispielsweise dafür sorgen, dass es erst nach einem Bilanzstichtag größere Verbindlichkeiten eingeht. Von diesen Positionen erhalten Investoren erst zur nächsten Berichtsperiode Kenntnis.

Zusätzlich sind die Verbindlichkeiten selbst kaum aussagekräftig. Ohne eine Relation zum Kapital, Umsatz oder anderen Kennzahlen können kaum sinnvolle Schlüsse aus den Verbindlichkeiten abgeleitet werden. Die notwendige Kombination mit anderen Kennzahlen erhöht zudem das Risiko von Fehlschlüssen oder Ermittlungsfehlern.

Fehlende Fälligkeitsstruktur

Ebenfalls fehlt den Verbindlichkeiten in der Unternehmensbilanz eine Fälligkeitsstruktur. Eine Fälligkeit von einem Tag bis zu einem Jahr im Fall von kurzfristigen Verbindlichkeiten kann in Bezug auf die Liquiditätsplanung einen erheblichen Unterschied machen. Beispielsweise hängt die Liquidität eines Unternehmens davon ab, dass zur Fälligkeit einer Verbindlichkeit genügend finanzielle Mittel vorhanden sind. Anhand der öffentlich zugänglichen Daten ist dies nicht ersichtlich. Daher können externe Bewerter die Liquidität eines Unternehmens ohne zusätzliche Informationen nicht vollumfänglich bewerten.

Abschließend ist die Abhängigkeit von einzelnen Abteilungen und Personen eines Unternehmens zu nennen. Verbindlichkeiten entstehen durch eine Buchung von Geschäftsvorfällen im externen Rechnungswesen. Gleichzeitig ist das Unternehmen darauf angewiesen, dass die Geschäftsvorfälle richtig interpretiert und verbucht werden. Fehlbuchungen können, abhängig von der Qualifikation des Personals, vorkommen und das Ergebnis verfälschen. Auch bei automatisierten Lösungen müssen die Parameter einmalig definiert werden und lassen in diesem Moment Spielraum für Fehler.

Unterschied zwischen Verbindlichkeiten und Rückstellungen

Obwohl Verbindlichkeiten und Rückstellungen sich in ihrem Kerncharakter ähneln, handelt es sich um verschiedene Bilanzpositionen, die genau voneinander abgegrenzt sind.

Während Verbindlichkeiten konkret bestimmt sein müssen (Höhe und Zeitpunkt), ist mindestens einer dieser beiden Aspekte bei einer Rückstellung ungewiss. Darüber hinaus sind Verbindlichkeiten im Zeitpunkt der Buchung steuerpflichtig (ausgenommen der sog. Istversteuerung bei weniger als 600.000 EUR Umsatz), während Rückstellungen erst bei ihrer Auflösung steuerpflichtig werden.

Rückstellungen sind folglich nach der Höhe und / oder dem Zeitpunkt ungewiss. Sie sind lediglich bekannt und der Eintritt eines Geldmittelabflusses ist überwiegend wahrscheinlich. Beispielsweise können Rückstellungen für Reklamationen, Kundenboni oder Rechtsstreitigkeiten gebildet werden. Dass aus diesen Sachverhalten spätere Zahlungen resultieren, ist zum einen wahrscheinlich und zum anderen muss der Aufwand dem aktuellen Geschäftsjahr zugeordnet werden. Daher ist eine Rückstellung zu bilden. Die genaue Höhe oder der genaue Zeitpunkt sind beispielsweise bei Reklamationsansprüchen ungewiss, bis sie tatsächlich eingetreten sind.

Rückstellungen werden auch als Eventualverbindlichkeit bezeichnet. Dennoch handelt es sich bei diesem Posten nicht um eine Verbindlichkeit im engeren Sinne.

Rückstellungen sind nach HGB folgendermaßen aufzuteilen:

  • Rückstellungen für Pensionen und ähnliche Verpflichtungen
  • Steuerrückstellungen
  • sonstige Rückstellungen

Hinweis: Bei Rückstellungen handelt es sich nicht um den ähnlich klingenden Begriff „Rücklagen“. Rücklagen (bspw. Gewinnrücklagen) stellen Eigenkapital dar, während Rückstellungen als Fremdkapital zu bewerten sind. Sie haben also grundsätzlich den gleichen Charakter wie Verbindlichkeiten.

Verbindlichkeiten im Praxisbeispiel

Im Geschäftsbericht 2020 der E.ON SE, einem deutschen Energiekonzern, befinden sich die Konzernbilanz sowie im Anhang entsprechende Erläuterungen zu den einzelnen Positionen. In den Passiva der Konzernbilanz sind auch die Verbindlichkeiten des Unternehmens zu finden.

Beispiel - Verbindlichkeiten E.ON im Überblick
Verbindlichkeiten des E.ON Konzerns im Überblick

In diesem Fall verwendet das Unternehmen den Begriff Schulden. Aufgeteilt werden die Positionen in „Langfristige Schulden“ und „Kurzfristige Schulden“.

Die Finanzverbindlichkeiten stellen mit fast 50 Prozent den größten Anteil an den langfristigen Schulden dar. Der Wert beträgt zum Bilanzstichtag 2020 knapp 30 Milliarden Euro. Im Segment kurzfristige Schulden dominiert die Position „Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen und sonstige betriebliche Verbindlichkeiten“ mit mehr als 16 Milliarden Euro.

Insgesamt sind die langfristigen Schulden von E.ON im Vergleich zum Vorjahr um fast fünf Prozent gestiegen. Im Gegenzug sind die kurzfristigen Schulden leicht zurückgegangen. Für die Liquidität kann dies aus Sicht eines Investors positive Rückschlüsse zulassen, da langfristige Schulden tendenziell besser planbar sind. Gleichzeitig ist der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 20 Milliarden Euro auf 60 Milliarden Euro angestiegen. Die Verbindlichkeiten haben sich im Vergleich dazu unterproportional entwickelt, was tendenziell ein positives Signal ist.

Die genauere Zusammensetzung der Verbindlichkeiten können Investoren im Anhang der Bilanz erkennen. Beispielsweise besteht die größte Position der kurzfristigen Verbindlichkeiten nicht nur aus Verbindlichkeiten durch Lieferungen und Leistungen, sondern auch aus den nachstehend abgebildeten Positionen.

Beispiel - Verbindlichkeiten E.ON im Detail
Verbindlichkeiten des E.ON Konzerns im Detail

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