Ratingagenturen – Definition & Aufgaben
Ratingagenturen, auch bekannt als Credit Rating Agencies (CRA), sind private Unternehmen, deren Aufgabe es ist, die Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen, Emittenten oder Finanzinstrumenten zu bewerten. Das Ergebnis dieses Bewertungsprozesses ist das sogenannte Rating. Anleger, Unternehmen oder Staaten können beispielsweise mithilfe solcher Bewertungen ihr Risiko bei geschäftlichen Transaktionen einschätzen.
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Ratingagenturen – Definition
Eine Ratingagentur ist ein Unternehmen, das gewerbsmäßig Beurteilungen verschiedener Schuldinstrumente und deren Emittenten erstellt. Diese Beurteilungen, die Credit Ratings, stellt es anderen Marktteilnehmern gegen Entgelt bereit. Davon zu unterscheiden sind Bonitätsscores von Wirtschaftsauskunfteien, die vor allem die Zahlungswahrscheinlichkeit natürlicher oder juristischer Personen einschätzen.
Arten
Ratingagenturen existieren in verschiedenen Größenordnungen sowie mit verschiedenen regionalen und inhaltlichen Schwerpunkten. Beispielsweise haben sich einige Agenturen auf Finanzmarktprodukte, Emittenten oder Staaten spezialisiert.
Unternehmen, die vorrangig die Bonität von Privatpersonen oder Unternehmen bewerten, werden im deutschen Sprachgebrauch dagegen häufig als Wirtschaftsauskunfteien oder Scoringunternehmen bezeichnet. Sie stellen im engeren Sinne meist kein Kapitalmarktrating bereit, sondern Bonitätsauskünfte oder Scores.
Aufsicht
Ratingagenturen, deren Ratings für regulatorische Zwecke genutzt werden, unterstehen in der Regel einer staatlichen oder supranationalen Aufsichtsbehörde. Diese kann ihnen die Registrierung beziehungsweise Anerkennung für bestimmte Aktivitäten erteilen und bei wesentlichen Sorgfaltsverstößen auch wieder entziehen.
Die europäische Aufsichtsbehörde für Ratingagenturen ist die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA). In den USA ist dagegen die Securities and Exchange Commission (SEC) für die Beaufsichtigung registrierter Ratingagenturen verantwortlich.
Was ist ein Rating? – Erklärung
Ein Credit Rating zeigt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Schuldner seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann. Ein Finanzprodukt mit einem sehr hohen Rating gilt aus Sicht der Ratingagentur als besonders ausfallsicher. Ein Ausfall ist jedoch nie völlig auszuschließen, auch wenn er sehr unwahrscheinlich erscheint.
Hinter einem Rating verbirgt sich somit eine Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Schuldverhältnis (etwa aus einer Anleihe oder einem Kredit) ordnungsgemäß erfüllt wird.
Welche Ratingstufen gibt es?
Ratings werden häufig durch Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen dargestellt (z. B. AAA, Baa2). Die höchste Bewertung, typischerweise „AAA“, steht für eine sehr hohe Bonität und ein äußerst geringes Ausfallrisiko.
Mit abnehmender Bonität folgen Abstufungen wie AA, A, BBB usw., wobei zusätzliche Plus- und Minuszeichen (z. B. A+ oder BBB−) eine feinere Differenzierung ermöglichen. Die Note „D“ steht bereits für einen tatsächlichen Zahlungsausfall und signalisiert damit ein sehr hohes Risiko.
Investment Grade vs. High Yield
In der Praxis hat sich eine Zweiteilung der Ratingstufen etabliert: Investment Grade und High Yield (auch: Non-Investment Grade oder umgangssprachlich Junk Bonds).
Diese Grenze verläuft etwa in der Mitte der Bewertungsskala: Ratings von BBB− (bzw. Baa3) oder besser gelten als Investment Grade, niedrigere Einstufungen als High Yield.
Ratingstufen der größten Ratingagenturen im Detail
Die folgende Aufstellung zeigt die grundlegenden Aussagen der verschiedenen Ratingstufen. Dabei werden ausschließlich die Long-Term-Ratings der drei weltweit größten und bedeutendsten Ratingagenturen berücksichtigt: Moody’s, Standard & Poor’s (S&P) und Fitch Ratings – häufig auch als die „Big Three“ bezeichnet.
| Moody’s | Standard & Poor’s | Fitch | Engl. Bezeichnung | Beschreibung |
|---|---|---|---|---|
| Aaa | AAA | AAA | Prime | Höchste Bonität, äußerst geringes Ausfallrisiko |
| Aa1 | AA+ | AA+ | High Grade | Sehr hohe Qualität, langfristig geringfügige Risiken möglich |
| Aa2 | AA | AA | ||
| Aa3 | AA- | AA- | ||
| A1 | A+ | A+ | Upper Medium Grade | Gute Anlagequalität, bei negativen Entwicklungen anfälliger |
| A2 | A | A | ||
| A3 | A- | A- | ||
| Baa1 | BBB+ | BBB+ | Lower Medium Grade | Akzeptable Anlagequalität, wirtschaftlich empfindlicher |
| Baa2 | BBB | BBB | ||
| Baa3 | BBB- | BBB- | ||
| Ba1 | BB+ | BB+ | Non-Investment Grade | Spekulativ, anfällig bei negativen wirtschaftlichen Entwicklungen |
| Ba2 | BB | BB | ||
| Ba3 | BB- | BB- | ||
| B1 | B+ | B+ | Highly Speculative | Hohe Risiken, Ausfälle bei schlechter Entwicklung wahrscheinlich |
| B2 | B | B | ||
| B3 | B- | B- | ||
| Caa1 | CCC+ | CCC | Substantial Risks | Sehr spekulativ, Ausfälle nur bei positiver Entwicklung vermeidbar |
| Caa2 | CCC | CC | Extremely Speculative | Sehr geringe Erfüllungschancen, hohes Ausfallrisiko |
| Caa3 | CCC- | CC | In Default with Little Prospect | In Zahlungsverzug oder Insolvenz, kaum Rückzahlung zu erwarten |
| Ca | CC | C | ||
| C | D | D |
Ratingprozess – Wie entsteht ein Rating?
Üblicherweise erhalten Ratingagenturen ihren Auftrag von den Unternehmen, die es zu prüfen gilt oder solchen, die eines ihrer Produkte prüfen lassen wollen. Es obliegt dabei dem Auftraggeber, welche Informationen er der Ratingagentur für ihre Bewertung bereitstellt.
Datensammlung
Öffentliche und gesetzlich notwendige Informationen bilden die Basis des Ratings. Es handelt sich hierbei in der Regel um sogenannte quantitative, also zahlenbasierte (messbare), Faktoren.
Qualitative Faktoren stammen dagegen nur bedingt aus öffentlichen Quellen. Zukünftige Projekte oder Details der strategischen Ausrichtung muss ein Unternehmen nicht veröffentlichen. Dennoch können die Unternehmen diese Informationen an die Ratingagentur übermitteln. In der Praxis geschieht dies häufig mit dem Hintergedanken, das eigene Rating dadurch positiv zu beeinflussen.
Die Bewertung von Branchendaten obliegt dagegen ausschließlich der Ratingagentur. Diese arbeitet mit Risikofaktoren für bestimmte Branchen, die in ihr Ergebnis einfließen. Ein solcher Risikofaktor kann zum Beispiel die Anfälligkeit gegenüber Krisen oder politischen Veränderungen sein. Dieser Faktor hat folglich keinen direkten Bezug zu den einzelnen Unternehmen, spiegelt aber die übergeordnete Marktsituation wider.
Erteilung eines Credit Ratings
Ein Kernaspekt eines Credit Ratings ist die Bonität des Bewertungsobjektes. Der Begriff Bonität steht dabei für Zahlungsfähigkeit und gibt an, wie die Liquiditätslage eines Unternehmens nach Einbezug der vorherigen Kriterien ist. Insbesondere die quantitativen Faktoren bilden die Grundlage der Bonität.
Nachdem eine Ratingagentur diese Daten ausgewertet hat, erarbeitet sie einen manuellen Rating-Vorschlag. Dieser wird abschließend einem Komitee vorgelegt, das darüber entscheidet, ob das vorgeschlagene Rating tatsächlich vergeben wird.
Nach der Bestätigung des Komitees wird das Rating veröffentlicht. Anschließend wird es nicht nur einmalig vergeben, sondern im Regelfall laufend überwacht und bei relevanten Ereignissen überprüft. Formale Reviews finden häufig mindestens jährlich statt; für bestimmte Ratingarten, etwa Staatsratings in der EU, gelten zusätzliche Überprüfungsanforderungen. Die Kosten des gesamten Bewertungsprozesses trägt der Auftraggeber.
Unterschiedlicher Detaillierungsgrad je nach Kontext
Der Informationsgehalt eines Ratings hängt auch vom jeweiligen Kontext ab. Staatsratings oder Wertpapierbewertungen werden in der Regel als zusammenfassende Gesamturteile veröffentlicht – ohne detaillierte Aufschlüsselung einzelner Risikofaktoren.
Credit Ratings für Unternehmen, Kunden oder Lieferanten hingegen enthalten häufig weiterführende Informationen, die gezielt zur Risikobewertung einzelner Geschäftsbeziehungen herangezogen werden können – unabhängig von der Gesamtnote.
Auswirkungen eines Ratings auf die Finanzkonditionen
Die Folgen eines Ratings für den Bewerteten können weitreichend sein. Beispielsweise sind Zinssätze, Zahlungsziele und Kreditlinien mitunter direkt mit dem Rating eines Unternehmens oder einer Institution verbunden. Banken und Investoren fordern häufig höhere Zinsen, wenn das Rating des jeweiligen Kreditnehmers herabgesetzt wurde. Sie berücksichtigen auf diesem Weg das erhöhte Risiko, auf das die Ratingagenturen hinweisen.
Sekundäreffekte eines Ratings
Darüber hinaus sind institutionelle Investoren teilweise verpflichtend an bestimmte Ratings gebunden. Lebensversicherungen dürfen nur Wertpapiere einer bestimmten Qualität halten. Der Hintergrund ist, dass die Gelder der Versicherten nicht zu spekulativ angelegt werden sollen. Im Gegenzug sind die Versicherungen gezwungen, Finanzprodukte zu verkaufen, die das geforderte Rating nicht mehr erfüllen.
Risiko der Abwärtsspirale
Diese Effekte bergen das Risiko einer Abwärtsspirale. Aufgrund eines gesenkten Ratings, höherer Zinsforderungen und einem höheren Verkaufsdruck fällt es einem Unternehmen noch schwerer als zuvor an Geld zu gelangen. Daraus kann sich eine weitere Abstufung ergeben, die die Situation erneut verschärft. Somit kann die Folge eines Ratings oder vielmehr einer Abstufung eine ernst zu nehmende wirtschaftliche Instabilität von Unternehmen oder ganzen Ländern sein.
Konsequenzen für Nationen, Unternehmen und Privatpersonen
Anwendbar sind Ratings für diverse Marktteilnehmer. Hierzu können Banken, Lieferanten, Investoren oder Nationen gehören. Besonders relevant sind Ratingagenturen, wenn es um die Einstufung von Schuldpapieren geht. Unter Schuldpapieren sind häufig Anleihen (engl.: Bonds) zu verstehen, die von Unternehmen oder Staaten ausgegeben werden.
Inhaber einer Anleihe haben das Recht auf deren ordnungsgemäße Rückzahlung zum Fälligkeitstag sowie den vereinbarten Kupon. Der Kupon ist als Verzinsung der Anlage zu verstehen. Mit einem Rating kann ein Anleihenkäufer folglich einschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Zins und Kapitalrückführung bedient werden können.
Wirtschaftliche Auswirkungen
Ratings von Unternehmen können sich auch auf die regelmäßige Geschäftstätigkeit auswirken. Je höher das Rating eines Unternehmens, desto eher erhält es auch sogenannte Warenkredite. Ein Warenkredit ist die Möglichkeit, bei den eigenen Lieferanten innerhalb eines Zahlungszieles „auf Rechnung“ zu kaufen. Dies sichert eine gewisse Liquidität und verbessert den Cash Conversion Cycle. Ein niedriges Rating kann folglich ein Auslöser sein, um eine Vorauszahlung zu verlangen und sich damit gegen einen möglichen Forderungsverlust abzusichern.
Beispiel für eine Ratingkonsequenz
Ein praktisches Beispiel sind die Scores der Schufa Holding AG. Angenommen, ein Mobilfunkunternehmen erhält eine Vertragsanfrage eines Nichtkunden. Auf eigene Zahlungserfahrungen kann das Unternehmen mit dem Kunden nicht zurückgreifen und ruft daher den Schufa-Score ab. Dieser ermöglicht eine Einschätzung, wie wahrscheinlich die Erfüllung des Vertrages ist.
Bei einem zu niedrigen Score lehnt das Unternehmen ab oder verlangt zusätzliche Sicherheiten. Datenschutzrechtlich ist dabei zu beachten, dass ein Score unter bestimmten Voraussetzungen als automatisierte Einzelentscheidung relevant sein kann, wenn ein Unternehmen seine Vertragsentscheidung maßgeblich darauf stützt.
Oligopolartige Marktstruktur
Ein Kritikpunkt an Ratingagenturen bezieht sich auf die fehlende Konkurrenz am Markt. Zwar gibt es inzwischen verschiedene Anbieter neben den Big Three, dennoch dominieren diese den Markt. Aus diesem Grund können die Ratingagenturen ihre Preise sehr flexibel gestalten und rufen bis zu hohe sechsstellige Beträge pro Rating auf.
Darüber hinaus gibt es einzelne Vorfälle, in denen sogar von Erpressung die Rede ist. Beispielsweise erhielt die Versicherungsgesellschaft Hannover Rück im Jahr 2004 von der Ratingagentur Moody’s unaufgefordert ein negatives Rating.
Zu diesem Zeitpunkt beauftragte die Hannover Rück bereits regelmäßig und gemäß den geltenden Vorgaben zwei andere Ratingagenturen, die ein durchweg positives Urteil fällten. Dennoch sorgte das Rating von Moody’s am Kapitalmarkt für Verunsicherung. Das Rating von Moody’s wurde betont und ausführlich von der Hannover Rück zurückgewiesen und argumentativ entkräftet.
Besonders problematisch an diesem Sachverhalt ist der Umstand, dass dem negativen Rating eine Anfrage von Moody’s an die Hannover Rück vorausgegangen war. Dieses lehnte die Gesellschaft mit dem Verweis auf die bisherigen Agenturen ab.
Der damalige CFO der Hannover Rück, Herbert Haas, berichtete davon, dass Moody’s nach dem negativen Rating erneut Kontakt aufnahm und gegen die Erteilung eines dritten Mandates eine Verbesserung des Ratings in Aussicht stellte. Dieser Sachverhalt zeigt die Macht und gleichzeitig auch die Missbrauchsmöglichkeiten, die insbesondere die großen Ratingagenturen besitzen.
Interessenkonflikte
Die hohen Kosten und der damit generierte Gewinn der Ratingagenturen begründen eine weitere Schwäche. Vergleichbar mit Wirtschaftsprüfungsunternehmen wird eine Ratingagentur von demjenigen bezahlt, den sie objektiv bewerten soll. Diese Fähigkeit wird immer wieder angezweifelt.
Ein negatives Rating könnte dazu führen, dass der Geschäftspartner zukünftig eine andere Agentur wählt oder durch die bereits erläuterte Negativspirale vom Markt verschwindet. Daran haben die Ratingagenturen als marktwirtschaftliche Unternehmen kein Interesse. Folglich steht das Interesse der Gewinnerzielung dem einer vollständig neutralen Bewertung gegenüber und stellt ein permanentes Risiko für jene Marktteilnehmer dar, die auf Grundlage der Ratings Entscheidungen treffen.
Ein spezieller Interessenkonflikt oder ein Abhängigkeitsverhältnis wird zudem teilweise gegenüber der Politik diskutiert. Jedes Unternehmen der Big Three stammt aus dem US-amerikanischen Marktumfeld. Doch auch die USA selbst erhalten von den Agenturen ein Rating. Dabei wurde die Top-Bonität der USA inzwischen nicht mehr von allen drei großen Agenturen bestätigt: Standard & Poor’s senkte das Rating der USA 2011 auf AA+, Fitch folgte 2023 ebenfalls mit AA+, und Moody’s stufte die USA 2025 von Aaa auf Aa1 herab. Diese Schritte wurden in der US-Politik jeweils teils deutlich kritisiert.
Abhängigkeit von Unternehmensangaben
Ein weiterer Nachteil der Ratingagenturen ist ihre Abhängigkeit von den Daten Dritter. Primär beruht ein Rating auf den Daten des Auftraggebers. Diese überprüft eine Ratinggesellschaft normalerweise nicht selbst, sondern verwendet die testierten Jahresabschlüsse eines Unternehmens. Diese wurden von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften auf ihre Richtigkeit überprüft.
Dennoch kam es bereits mehrfach vor, dass Wirtschaftsprüfungsgesellschaften fehlerhafte Abschlüsse testierten. Die Investmentbank Lehman Brothers, der Energiekonzern Enron oder der Finanzdienstleister Wirecard sind nur einige Beispiele. Wirecards Anleihe erhielt beispielsweise bis Juni 2020 das Rating Baa3 der Ratingagentur Moody’s. Damit befand sich die Anleihe kurz vor Bekanntwerden des Bilanzskandals immer noch im Investment Grade.
Folglich ziehen die Ratingagenturen möglicherweise falsche Rückschlüsse, wenn die Unternehmen ihre Zahlen bewusst fälschen oder manipulieren. Die Anpassungen erfolgen dann tendenziell zu spät und können den gewünschten Effekt nicht vollständig entwickeln.
Verzögerte Datenveröffentlichung
Ein weiterer Aspekt ist weniger die Veröffentlichung falscher Informationen als eine bewusste Verzögerung bei der Publikation von Daten. Tendenziell neigen Schuldner dazu, Informationen zu spät zu offenbaren, die sich negativ auf ihre Kreditwürdigkeit auswirken. Die verspätete Veröffentlichung eines Jahresabschlusses führt dazu, dass eine Ratingagentur möglicherweise auf die Daten des Vorjahres ausweichen muss. Eine denkbare Folge ist, dass insbesondere negative Ereignisse zu spät von den Agenturen berücksichtigt und das Bewertungsobjekt auf dem bisherigen Rating gehalten werden kann.
Fehlende Transparenz
Im Laufe der Zeit haben die Ratingagenturen immer komplexere Verfahren entwickelt, um die jeweiligen Bewertungsobjekte zu analysieren und ihre Einschätzung zu treffen. Während einzelne Kriterien und allgemeine Bewertungslogiken öffentlich zugänglich sind, bleiben konkrete Gewichtungen, interne Modelle und Detailentscheidungen für Außenstehende häufig nur begrenzt nachvollziehbar.
Die Agenturen müssen ihre Methodologien, Modelle und zentralen Annahmen in regulierten Märkten grundsätzlich offenlegen und regelmäßig überprüfen. Dennoch bleibt die Kontrolle der konkreten Entscheidungsfindung erschwert, weil die vollständige interne Herleitung eines Ratings nicht in allen Einzelheiten veröffentlicht wird.
Bewertungen ohne Konsequenzen
Nachteilig an dem Konzept der Ratingagenturen ist, dass Ratings rechtlich häufig als Meinungsäußerungen verstanden werden. Dies ist deshalb problematisch, weil an die formal unverbindlichen Ratings verbindliche Folgen geknüpft sein können, die sich auf die Marktteilnehmer auswirken.
Eine vollständige Haftungsfreiheit besteht jedoch nicht. In der EU können unter bestimmten Voraussetzungen Schadensersatzansprüche entstehen, wenn eine Ratingagentur vorsätzlich oder grob fahrlässig gegen regulatorische Pflichten verstößt und dadurch ein Schaden verursacht wird. Zudem kann die ESMA Sanktionen oder Bußgelder verhängen.
Grundsätzlich ist es jedoch wichtig, dass eine Ratingagentur unabhängig bewerten kann und nicht für jede nachträglich unzutreffende Einschätzung sanktioniert wird. Andernfalls könnte sie sich bei der Bewertung zurückhalten. Die Herausforderung besteht daher darin, Unabhängigkeit und Verantwortlichkeit sinnvoll auszubalancieren.
EU Vorschriften für Ratingagenturen
Nach vermehrter Kritik fasste die Europäische Union im Jahr 2013 Beschlüsse zur Verschärfung der Vorschriften für die Ratingagenturen. Das Ziel dieser Beschlussfassungen war eine erhöhte Transparenz und mehr Verantwortlichkeit der Ratinggesellschaften.
Im Rahmen dieses Maßnahmenpaketes wurde eine Schadensersatzmöglichkeit geschaffen, sofern eine Ratingagentur vorsätzlich oder grob fahrlässig gegen regulatorische Pflichten verstößt und dadurch falsche oder irreführende Bewertungen entstehen. Für Ratings von EU-Mitgliedstaaten gelten zudem besondere Veröffentlichungsvorgaben: Sie dürfen grundsätzlich nur nach Schließung der EU-Handelsplätze und mindestens eine Stunde vor deren Wiedereröffnung veröffentlicht werden. Dies soll eine mögliche Einflussnahme auf die Kurse und Irritationen am Markt vermeiden.
Obwohl die genaue Zusammensetzung eines Ratings nicht in allen Einzelheiten offengelegt werden muss, verlangt die EU die Veröffentlichung zentraler Methodologien, Modelle und Annahmen. Diese Anforderung erhöht die Transparenz für Außenstehende zumindest teilweise.
Seitdem behält sich die EU vor, bei Verstößen von Ratingagenturen Sanktionen oder Bußgelder zu verhängen. Beispielsweise erhielt die Ratingagentur Moody’s im März 2021 eine Strafe in Höhe von 3,7 Millionen Euro aufgrund nicht offengelegter Interessenkonflikte. Betroffen waren verschiedene europäische Tochtergesellschaften der Ratingagentur.
Verschiedene Ratingagenturen im Überblick
Zugelassene Ratingagenturen in den USA
Stand 2025 besitzen 10 Ratingagenturen eine Registrierung als NRSRO in den USA. Diese Agenturen gelten als sogenannte NRSROs (Nationally Recognized Statistical Rating Organizations). Die Registrierung bezieht sich auf bestimmte Ratingklassen und bedeutet nicht, dass jede Ratingagentur in den USA eine NRSRO sein muss.
| Ratingagentur | Bewertete Kategorien | Sitz |
|---|---|---|
| A.M. Best Rating Services, Inc. (AMB) | Versicherungen, Unternehmen, Asset-Backed Securities | USA |
| DBRS, Inc. |
Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen, Asset-Backed Securities, Staatliche Emittenten | USA |
| Demotech, Inc. | Versicherungen | USA |
| Egan-Jones Ratings Company (EJR) | Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen | USA |
| Fitch Ratings | Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen, Asset-Backed Securities, Staatliche Emittenten | USA |
| HR Ratings de México, S.A. de C.V. (HR Ratings) | Finanzinstitute, Unternehmen, Staatliche Emittenten | Mexiko |
| Japan Credit Rating Agency, Ltd. (JCR) | Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen, Staatliche Emittenten | Japan |
| Kroll Bond Rating Agency, LLC (KBRA) | Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen, Asset-Backed Securities, Staatliche Emittenten | USA |
| Moody’s |
Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen, Asset-Backed Securities, Staatliche Emittenten | USA |
| S&P Global Ratings (S&P) | Finanzinstitute, Versicherungen, Unternehmen, Asset-Backed Securities, Staatliche Emittenten | USA |
Zugelassene Ratingagenturen in Europa
In Europa gibt es insgesamt 28 zugelassene Ratingagenturen. Hierunter befinden sich auch verschiedene Landesgesellschaften der Big Three, die bereits näher erläutert wurden. Einige der bei der ESMA zugelassenen Ratingagenturen stammen aus Deutschland. Dabei handelt es sich um die folgenden Unternehmen:
- Creditreform Rating AG
- Scope Ratings GmbH
- GBB-Rating Gesellschaft für Bonitätsbeurteilung GmbH
- ASSEKURATA GmbH
Neben diesen europaweit anerkannten Ratinggesellschaften gibt es verschiedene Unternehmen, die national tätig sind. Hierzu zählen die Schufa Holding AG, Dun & Bradstreet Deutschland als Nachfolgeorganisation der früheren Bisnode-Aktivitäten oder die deutsche Tochtergesellschaft der französischen Coface Gruppe.
Solche nationalen Agenturen richten sich in der Regel primär an der Bewertung natürlicher und juristischer Personen aus. Die Bewertung von Wertpapieren oder Volkswirtschaften gehören normalerweise nicht zu ihrem Aufgabengebiet.
Weiterführende Informationen
Aufgaben einer Ratingagentur
Die zentrale Aufgabe einer Ratingagentur besteht darin, Transparenz im wirtschaftlichen Geschehen zu schaffen – insbesondere auf dem Kapitalmarkt, der oft durch erhebliche Informationsasymmetrien gekennzeichnet ist.
Abbau von Informationsungleichgewichten
Nach der sogenannten Prinzipal-Agent-Theorie streben alle Marktteilnehmer primär nach ihrem eigenen Nutzen. Dabei behalten sie relevante Informationen häufig für sich, wenn es ihnen einen Vorteil verschafft.
Ratingagenturen helfen dabei, solche Informationsasymmetrien abzubauen, indem sie ihre Einschätzungen öffentlich zugänglich machen. Auch Privatanleger erhalten dadurch Zugang zu strukturierten Informationen, die sie für fundierte Anlageentscheidungen benötigen.
Einhaltung eines Verhaltenskodex
Die Arbeit von Ratingagenturen orientiert sich zusätzlich an einem Verhaltenskodex (Code of Conduct), der Standards für Unabhängigkeit, Objektivität und Qualität vorgibt. Nur wenn ein Rating diese Anforderungen erfüllt, besitzt es auch einen verlässlichen Informationswert und bietet echten Nutzen für die Marktteilnehmer.
Entstehung und Geschichte der Ratingagenturen
Ein wichtiger Vorläufer heutiger Rating- und Wirtschaftsauskunfteien entstand bereits 1841 in den USA. Zu dieser Zeit baute Lewis Tappan mit der Mercantile Agency ein Netz aus Informanten auf. Diese sollten möglichst viele Informationen über Kreditnehmer gewinnen, um ihre wirtschaftliche Lage und auch ihre Absichten zu prüfen.
Die Vergütung solcher Informationen erfolgte auf Basis eines Provisionsmodells. Je mehr Verluste die Kunden von Tappan vermeiden konnten, desto mehr Geld zahlte er seinen Informanten. Dieses Konzept konnte erst dadurch erfolgreich werden, dass das Vertrauen im Wirtschaftssystem der frühen USA noch nicht sehr ausgeprägt war.
Begriff des ehrbaren Kaufmanns
Dass die ersten Ratingagenturen in den USA gegründet wurden, ist historisch wenig überraschend. Während in Europa ein vorrangig bank- und kreditorientiertes Wirtschaftssystem verbreitet war, setzte sich in den USA eine Kapitalmarktorientierung durch.
In Europa war die Folge dieses Systems eine langfristige Bindung zwischen Kreditnehmern und Banken. Die Banken waren an der Zahlungsfähigkeit ihrer Kunden persönlich interessiert. Banken erfüllten in den USA dagegen tendenziell die Rolle eines Vermittlers, der nicht an die vermittelten Geschäfte gebunden war. Dies erhöhte auch die grundlegenden Risiken für Anleger beziehungsweise Kreditgeber.
Aufgrund der höheren Risiken und des größeren Risikos von Forderungsverlusten sowie Insolvenzen bildeten sich die Grundzüge von Ratingagenturen in den USA. Gleichzeitig fanden sich in den USA auch vermehrt Fälle von mutwilligen Täuschungen zum eigenen Vorteil. Demgegenüber entwickelte sich insbesondere im deutschen Handelsrecht das Bild des „ehrbaren“ Kaufmanns, das bis heute die Verantwortlichkeit von Unternehmern betont.
Erste Ratingagenturen nach heutigem Vorbild
Henry Varnum Poor veröffentlichte 1860 ein Handbuch mit Finanzinformationen zu Eisenbahn- und Kanalgesellschaften. Die späteren Poor’s-Ratings entstanden im frühen 20. Jahrhundert; 1941 ging daraus nach dem Zusammenschluss mit Standard Statistics die Standard & Poor’s Corporation hervor. John Moody begann 1909 mit der Bewertung von Anleihen über Moody’s Investors Service. Fitch Ratings führte 1924 ein Buchstaben-Ratingsystem ein, das bis heute prägend für viele Ratingstufen ist.
Erste Ratingobjekte
Die drei Gesellschaften fokussierten sich anfänglich darauf, Eisenbahngesellschaften in den USA zu bewerten. Diese bauten das lokale Schienennetz aus und benötigten hierfür erhebliche Kredite. Die Kreditgeber wollten vermehrt wissen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die jeweiligen Gesellschaften ihre Kredite auch bedienen konnten.
Bis zum Jahr 1929 folgten weitere Ratingobjekte. Es wurden auch Staatsanleihen verschiedener Länder bewertet, da es sich auch hier um ein Schuldverhältnis zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber handelt. Durch diese Erweiterung des Portfolios wuchsen die Gesellschaften weiter.
Creditreform
Als eine der bekanntesten deutschen Ratingagenturen kann die Creditreform Rating AG bezeichnet werden. Seit dem 18. Mai 2011 ist sie als Ratingagentur bei der ESMA registriert. Jedoch beschränkt sich das Unternehmen auf bestimmte Marktsegmente. Beispielsweise bewertet Creditreform die Bonität von Unternehmen, nimmt aber keine Beurteilung von Volkswirtschaften vor.
Die größten Ratingagenturen: Vormachtstellung der Big Three
In den 1970er-Jahren entwickelte sich die Vormachtstellung von Moody’s, Fitch sowie Standard & Poor’s. Wesentlich dafür war unter anderem die regulatorische Bedeutung von Ratings in den USA. Lange Zeit wurden nur wenige Agenturen als sogenannte NRSROs anerkannt, deren Ratings für bestimmte aufsichtsrechtliche Zwecke genutzt werden konnten. Dadurch verfestigte sich die Marktstellung der großen Anbieter, die im Laufe der Zeit immer wieder als „Big Three“ bezeichnet wurden.
Laut ESMA Report on CRA Market Share Calculation 2025 entfielen 2025 rund 50,42 % auf S&P Global Ratings Europe, 29,63 % auf Moody’s Investors Service und 11,82 % auf Fitch Ratings Ireland. Zusammen kamen die Big Three damit auf rund 91,87 % Marktanteil.
Lokale Ratingagenturen
Neben den internationalen Ratingagenturen gibt es auch nationale Unternehmen, die eine Risikobeurteilung für ihre Kunden durchführen. Im deutschen Sprachgebrauch werden solche Unternehmen auch als Wirtschaftsauskunfteien beschrieben.
Diese Unternehmen arbeiten ebenfalls mit Bonitätsbewertungen, Scores oder Auskünften, verfügen jedoch über geringere Befugnisse am Kapitalmarkt. Dennoch handelt es sich um relevante Informationslieferanten, auf die beispielsweise Industrieunternehmen, Banken oder Vermieter zurückgreifen können.
Besonders bekannt ist in Deutschland die Schufa Holding AG. Für natürliche Personen handelt es sich um den Marktführer in Bezug auf Bonitätsdaten. Diverse Unternehmen greifen auf Bonitätsinformationen oder Scores der Schufa zurück und versorgen diese im Gegenzug mit Daten über ihre Kunden.
Das Vorgehen großer und kleiner Bewertungsunternehmen ähnelt sich in der Datenauswertung, unterscheidet sich jedoch deutlich im Anwendungsbereich. Während der Score der Schufa Auswirkungen auf einzelne Personen haben kann, ist ihr gesamtwirtschaftlicher Einfluss im Vergleich zu den Big Three begrenzt.
Fazit: Der wesentliche Unterschied zwischen globalen und nationalen Ratingagenturen sind deren Datenbasis und die Auswirkung ihrer Ratings. Während die Big Three häufig auch auf interne Informationen zurückgreifen können, bleibt dies kleinen Gesellschaften häufig verwehrt. Zudem werden lokale Bewertungsunternehmen üblicherweise von einem Auftraggeber bezahlt, der nicht identisch mit dem Bewertungsobjekt oder dessen Emittenten ist.
Asiatische Ratingagenturen
Lokale Bewertungsunternehmen entstehen auch dort, wo das Urteil der Big Three nicht akzeptiert wird oder eine geringe Relevanz hat. Beispiele hierfür finden sich besonders in Asien. Eine vergleichbare Stellung zu westlichen Ratingagenturen hat in der Volksrepublik China die Dagong Global Credit.
Aufgrund struktureller, regulatorischer und kultureller Unterschiede zur westlichen Welt ist ihre Bedeutung vor allem im chinesischen Marktumfeld zu sehen. Gleichzeitig wird die Unabhängigkeit chinesischer Ratingagenturen international regelmäßig kritisch diskutiert.
Verglichen mit den erstgenannten Agenturen stand jedoch auch die Professionalität der Dagong Global Credit im eigenen Land im Zweifel. 2018 untersagten beziehungsweise suspendierten chinesische Aufsichtsstellen, darunter die China Securities Regulatory Commission (CSRC) und die National Association of Financial Market Institutional Investors (NAFMII), Dagong für ein Jahr von Teilen des neuen Ratinggeschäfts. Hintergrund waren unter anderem schwerwiegende Pflichtverletzungen und Interessenkonflikte durch Beratungsleistungen für bewertete Unternehmen.
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