Carry Trade – Definition & Beispiel

Autor: Maik Engelkamp Inhaltlich geprüft von: Philipp Berger

Carry Trade - Definition
Carry Trade - Definition

Carry Trade (deutsch: „Zinsdifferenzgeschäft“, genauer auch: „Currency Carry Trade“) bezeichnet eine Handelsstrategie, bei der Anleger Zinsunterschiede zwischen verschiedenen Währungsräumen zunutze machen.

Bei einem ungehedgten Currency Carry Trade wird ein Kredit bzw. eine Finanzierung in einer Währung mit niedrigem Zinsniveau aufgenommen und der Betrag anschließend in einer anderen Währung mit höherem Zinsniveau angelegt. Entscheidend ist, dass die spätere Wechselkursentwicklung nicht vollständig abgesichert ist.

Beispiel

Angenommen, ein Anleger stellt einen signifikanten Unterschied zwischen den Zinsniveaus in Japan und Australien fest, wobei das japanische Zinsniveau deutlich niedriger ist als das australische. Er beschließt deshalb, einen Carry Trade durchzuführen.

Dabei nimmt er faktisch Mittel in japanischer Währung auf, entweder über eine direkte Yen-Finanzierung oder synthetisch über den Devisenmarkt. Die Umsetzung kann beispielsweise über einen Spot-Tausch mit später offenem Rücktausch, über Forwards oder über FX-Swaps erfolgen.

Zunächst muss der Anleger japanischen Yen (JPY) in australische Dollar (AUD) tauschen, um den Betrag in Australien investieren zu können. Um die Yen-Verpflichtung bei Fälligkeit zu bedienen, ist bei einem nicht abgesicherten Vorgehen später ein erneuter Währungstausch erforderlich.

Der Anleger ist deshalb bei einem ungehedgten Vorgehen vom zukünftigen Wechselkurs zwischen japanischem Yen und australischem Dollar abhängig. Der Erfolg des Carry Trades hängt daher auch entscheidend von der Wechselkursentwicklung zwischen den beiden Währungen ab.

Hinweis: Bei einem FX-Swap ist der spätere Rücktauschkurs bereits vereinbart. Das offene Wechselkursrisiko ist dann anders als beim ungehedgten Carry Trade. Die bloße Zinsdifferenz wird über Forward-Punkte weitgehend eingepreist.

Szenario 1: Die Kosten für den Yen-Kredit steigen

Erhöht beispielsweise die japanische Zentralbank die Zinsen oder signalisiert sie eine restriktivere Geldpolitik, kann der Yen gegenüber dem australischen Dollar aufwerten. Dies gilt insbesondere, wenn zuvor viele Marktteilnehmer in Yen finanziert bzw. Short-Yen-Positionen eingegangen sind und diese Positionen zurückführen müssen.

Bei einer variabel verzinsten oder kurzfristig rollierten Yen-Finanzierung muss der Anleger unter Umständen mehr Zinsen für die Finanzierung zahlen. Bei einer fest vereinbarten Finanzierung wirkt sich ein höheres Zinsniveau dagegen erst bei der Refinanzierung oder Neuaufnahme aus. Dadurch können die Kosten des Carry Trades steigen.

Hat der Investor nicht gehedged, muss er bei der Rückzahlung des Kredits die Yen zum dann gültigen Wechselkurs zurückkaufen. Ist der japanische Yen gegenüber dem australischen Dollar gestiegen, muss der Anleger mehr australische Dollar aufwenden, um denselben Yen-Betrag zurückzubekommen. Dies kann die Gewinne aus den höheren Zinsen in Australien schmälern oder sogar zu Verlusten führen.

Börsenturbulenzen aufgrund einer Aufwertung des Yen

Am Montag, dem 05.08.2024, brachen die US-Aktienindizes deutlich ein. Der S&P 500 verlor rund 3 %. Ein wichtiger Verstärker war laut vielen Medienkommentaren und BIS-Analyse das Unwinding gehebelter, yen-finanzierter Carry- und Risikopositionen nach der Zinserhöhung der BoJ vom 31.07.2024 auf rund 0,25 % und der anschließenden Yen-Aufwertung. In Japan fiel der Nikkei um 12,4 % – der schwächste Tag seit 1987.

Szenario 2: Kosten des Yen-Kredits bleiben niedrig

Wenn die japanische Notenbank die Zinsen unverändert lässt, während andere Länder wie Australien die Zinsen erhöhen oder auf einem höheren Niveau halten, könnte der Yen gegenüber dem australischen Dollar an Wert verlieren oder seinen Wert behalten. Die Zinskosten für eine kurzfristig rollierte Yen-Finanzierung bleiben niedrig, wodurch der Carry Trade weiterhin attraktiv bleiben kann.

  • Wertet der Yen ab, muss der Investor weniger australische Dollar für die Rückzahlung des Kredits aufwenden und erzielt damit einen zusätzlichen Gewinn.
  • Bleibt der Yen stabil, profitiert der Investor weiterhin primär von der Zinsdifferenz. Das FX-Risiko besteht weiterhin, manifestiert sich aber nicht.

Positive und negative Carry

Von Positive Carry spricht man, wenn die laufenden Erträge einer Position die Finanzierungskosten übersteigen. Beim Currency Carry Trade bedeutet dies typischerweise: Die Verzinsung der Zielwährung ist höher als die Kosten der Funding-Währung.

Negative Carry liegt dagegen vor, wenn die Finanzierungskosten höher sind als die laufenden Erträge. Ein negativer Carry kann z. B. bewusst eingegangen werden, wenn Anleger auf eine ausreichend starke Kurs- oder Wechselkursbewegung setzen.

Carry-Strategien im Überblick

In der Regel ist mit Carry Trading ein Currency Carry Trade gemeint. Das Konzept lässt sich jedoch auf viele Anlageklassen übertragen. Carry-Strategien zielen generell darauf ab, Renditen aus dem „Halten“ einer Position zu erwirtschaften (Zins-/Einkommenskomponente, Finanzierung, Terminkurve), zusätzlich zu etwaigen Kursgewinnen/-verlusten.

  • Bond-Carry
    Im Anleihebereich bedeutet „Carry“ meist die erwartete Rendite beim Halten einer Anleihe unter der Annahme, dass sich die Zinskurve nicht verändert. Sie setzt sich zusammen aus dem Kupon abzüglich der Finanzierungskosten sowie dem „Roll-Down“-Effekt: Mit abnehmender Restlaufzeit bewegt sich die Anleihe auf einen anderen Punkt der Zinskurve.
    • Positiv ist dieser Effekt typischerweise bei einer normal aufwärtsgerichteten Kurve.
    • Bei inversen oder stark veränderten Kurven kann er gering oder negativ sein.
  • Equity-Carry
    Im Aktienbereich kann Carry z. B. über laufende Dividendenrenditen verstanden werden. Eine Aktienposition weist positiven Carry auf, wenn die erwarteten Dividenden bzw. Ausschüttungen die Finanzierungskosten übersteigen. Gleichzeitig bleiben die übliche Aktienrisiken bestehen.
  • Futures-Carry
    Hier geht es in der Regel um die Cost-of-Carry-Relation zwischen Spot- und Futurespreis. Liegt der beobachtete Futurespreis abweichend vom theoretischen No-Arbitrage-Wert, können Cash-and-Carry- oder Reverse-Cash-and-Carry-Strategien infrage kommen. Bei Cash-and-Carry kauft man den Basiswert (Cash) und verkauft gleichzeitig den passenden Future (Carry).
  • Commodity-Carry
    Bei Rohstoffen ergibt sich Carry aus der Beziehung zwischen Spotpreis, Futurespreis, Finanzierungskosten, Lagerkosten und sogenannter Convenience Yield. Viele physische Rohstoffe verursachen Lager- und Finanzierungskosten, wodurch Long-Positionen häufig negative Carry aufweisen können.
  • Volatility-Carry
    Diese Strategien nutzen den Unterschied zwischen impliziter und tatsächlich realisierter Volatilität sowie Prämien bzw. Roll-Down-Effekte in Volatilitäts-Futures. Typisch sind Short-Volatilitäts-Positionen über Optionen, Varianz-/Volatilitätsswaps, VIX-Futures oder börsengehandelte Produkte. Solche Positionen profitieren oft von den Rollverlusten von Long-Volatilitätsprodukten. Schließlich liegt die VIX-Futureskurve seit 2010 über 80 % der Zeit im Contango. In volatilen Börsenphasen kann sich die Kurve jedoch in Backwardation drehen, was entsprechend hohe Risiko- und Liquiditätsrisiken mit sich bringt.

Carry Trade vs. Arbitrage

Im Gegensatz zu (vermeintlich) risikolosen Arbitragegeschäften halten Carry-Spekulanten bei typischen Zinsdifferenzgeschäften offene Währungspositionen. Damit liegt de facto kein risikoloses Geschäft vor, da mögliche Währungseffekte einem Zinsdifferenzgeschäft entgegenwirken können.

Wird die Wechselkursposition vollständig über Termin- oder Swapgeschäfte abgesichert, wird die Zinsdifferenz grundsätzlich über Forward-Punkte eingepreist (gedeckte Zinsparität). Daraus entsteht in der Regel keine zusätzliche risikolose Rendite aus der bloßen Zinsdifferenz.

Wie profitabel ist ein Carry Trade?

Gemäß der ungedeckten Zinsparität (UIP) sollten Zinsdifferenzen unter vereinfachenden Annahmen durch erwartete Wechselkursänderungen ausgeglichen werden, sodass ein klassischer, ungehedgter Carry Trade im Erwartungswert keinen Mehrertrag liefern sollte.

In der Praxis wird die UIP jedoch häufig verletzt (das sogenannte „Forward-Premium-Puzzle“), sodass Carry-Strategien zeitweise profitabel sein können. Studien (u. a. Deutsche Bundesbank) dokumentieren diese Abweichungen. Die erzielten Erträge stellen jedoch keine Marktineffizienz dar, sondern können als Prämie für Marktrisiken interpretiert werden. Plötzliche FX-Trendwenden können beispielsweise Mehrjahreserträge in kurzer Zeit ausradieren.

Makroeffekte und Kritik

Carry Trades wirken nicht nur auf einzelne Anleger, sondern können auch Kapitalflüsse und Wechselkurse beeinflussen. Wenn viele Marktteilnehmer dieselbe Strategie verfolgen, wird die Funding-Währung tendenziell verkauft und die Zielwährung gekauft. Dadurch kann die Funding-Währung abwerten und die Zielwährung aufwerten. Dieser Effekt kann den Carry Trade zunächst zusätzlich profitabel machen.

Problematisch wird dies, wenn Positionen gleichzeitig zurückgeführt werden. Dann kehrt sich der Kapitalfluss um: Die Zielwährung wird verkauft und die Funding-Währung zurückgekauft. Dadurch können Wechselkursbewegungen abrupt ausfallen und bestehende Verluste weiter verstärken. Aus diesem Grund werden Carry Trades häufig kritisiert, weil sie Währungstrends und Marktvolatilität prozyklisch verstärken können.

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