Loss Aversion (Verlustaversion) – Definition & Beispiel

Autor: Maik Engelkamp

Unter Loss Aversion, deutsch: „Verlustaversion“, versteht man in der Verhaltensökonomie ein Phänomen, bei dem ein tatsächlicher oder potenzieller Verlust als psychologisch oder emotional schwerwiegender empfunden wird als ein entsprechender Gewinn. So ist beispielsweise der empfundene Schmerz über den Verlust von 100 Euro oft weitaus größer als die Freude über den Gewinn des gleichen Betrags.

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Was ist Loss Aversion? – Definition

Als Loss Aversion (Verlustaversion)  wird eine in der Verhaltensökonomie (Behavioral Finance) erforschte Reaktion bezeichnet, bei der ein potenzieller oder tatsächlicher Verlust schwerwiegender wahrgenommen wird, als ein entsprechender Gewinn Freude stiftet. Die psychologischen Auswirkungen eines Verlustes oder auch nur der Möglichkeit eines Verlustes können paradoxerweise sogar zu einem risikofreudigen Verhalten führen, das realisierte Verluste noch wahrscheinlicher oder beträchtlicher machen könnte.

Loss Aversion (Verlustaversion): Ein Verlust wird stärker als ein Gewinn derselben Höhe wahrgenommen.
Loss Aversion (Verlustaversion): Ein Verlust wird stärker als ein Gewinn derselben Höhe wahrgenommen.

Loss Aversion ist eine von vielen kognitiven Verzerrungen (cognitive biases), die der Wissenschaft mittlerweile bekannt sind. Das Phänomen der Loss Aversion ist an der Börse besonders stark verbreitet, sodass hierbei auch von einem „Investor Bias“ gesprochen wird.

Einige empirische Studien deuten darauf hin, dass der Schmerz des Verlustes psychologisch gesehen ungefähr doppelt so stark wiegt wie die erlebte Freude, wenn wir gewinnen. Generell gilt, je mehr Verluste ein Investor erlebt, desto eher neigt er zur Verlustaversion.

Ursachen der Verlustaversion

Für die Verlustaversion gibt es mehrere mögliche Gründe. Psychologen behaupten, dass es im Laufe unserer Evolutionsgeschichte für das Überleben vorteilhafter war, sich vor Verlusten zu schützen, als nach Gewinnen zu streben. Soziologen verweisen auf die Tatsache, dass wir gesellschaftlich darauf konditioniert sind, Verluste zu fürchten, sei es bei finanziellen Verlusten, aber auch bei wettbewerbsorientierten Aktivitäten wie Sport und Spiel.

Zudem hat jeder Mensch eine individuelle Risikotoleranz. Diese basiert auf persönlichen Umständen, wie dem Vermögen und Einkommen, sowie dem Anlagehorizont (beispielsweise die Zeit bis zur Pensionierung), dem Alter und anderen demografischen Merkmalen. Risikoscheue Investoren, gehen etwa weniger Risiken ein an der Börse als risikofreudige Anleger.

Die Risikoscheu selbst ist jedoch zunächst völlig rational, da fast jeder Anleger Angst vor Verluste und Freude über Gewinne spürt. Ausschlaggebend ist hier jedoch die asymmetrische Wahrnehmung der beiden Gefühlen. Der Schmerz eines Verlustes wird viel stärker empfunden als die Freude über einen Gewinn – unabhängig von der Risikotoleranz des Investors.

Auswirkungen der Loss Aversion auf Investoren

Loss Aversion kann zu gravierenden Fehlern mit langfristigen negativen Auswirkungen am Aktienmarkt führen, da es vielen Investoren schwerfällt, einen Verlust zu realisieren, wenn es darum geht, eine Aktie unter dem Preis zu verkaufen, zu dem man sie gekauft hat.

Auch wenn der Verkauf zu diesem Zeitpunkt die beste Option und der höchstmögliche Betrag ist, den ein Anleger für ihren Kauf erhalten kann, sind Investoren häufig nicht bereit, diese finanzielle Entscheidung zu treffen, da sie dies als einen Gesamtverlust empfinden. Stattdessen hoffen sie auf eine Kursumkehr und häufen meist dadurch noch größere Verluste an.

Die Angst vor Verlusten hält Investoren häufig davon ab, selbst gut kalkulierte Risiken einzugehen, die lohnende Erträge versprechen. Das kann unter anderem eine entgangene finanzielle Freiheit als Folge haben.

Beispiele für eine Verlustaversion an der Börse

Am Aktienmarkt oder auch am Kapitalmarkt im Allgemeinen kann Loss Aversion dazu führen, dass Anleger irrationale Entscheidungen treffen.

  • So hält ein Investor beispielsweise an einer verlustbringenden Anlage fest, lange, nachdem sie hätte verkauft werden sollen oder er trennt sich zu früh von einer gewinnbringenden Aktie, um dem Risiko eines späteren Kursrückgangs zu entgehen.
  • Börsenneulinge machen häufig den Fehler zu hoffen, dass sich eine Aktie trotz aller gegenteiligen Anzeichen erholen wird.
  • Die Verlustpsychologie könnte die Ursache für das Phänomen der asymmetrischen Volatilität an den Aktienmärkten sein. In fallenden Märkten lässt sich eine deutlich höhere Aktienmarktvolatilität beobachten als in steigenden Märkten.
  • Als direkte Konsequenz der Verlustaversion ziehen es Anleger vor, in renditeschwache, aber risikoarme Anlagen zu investieren, anstatt in Anlagen, die eine hohe Rendite bieten, aber auch mit einem höheren Risiko einhergehen.
  • Häufig werden aufgrund von Verlustängsten Gelegenheiten zum Kauf von günstigen Qualitätsaktien ausgelassen oder fundamental gute Aktien zu ungünstigen Zeitpunkten unnötigerweise verkauft.

Loss Aversion beim Investieren überwinden – 3 Tipps

Behavioral Finance liefert wissenschaftliche Erkenntnisse über unser kognitives Denken und unsere Anlageentscheidungen. Auf einer kollektiven Ebene hilft sie uns beispielsweise zu verstehen, warum Marktblasen und Börsencrashes auftreten können. Anleger sollten einige verhaltensökonomische Konzepte verstehen, um sich ihrer eigenen Entscheidungsprozesse bewusster zu werden.

Verluste können einen langfristigen positiven Ausgang haben, wenn man aus ihnen lernt und es schafft, die Dinge rational und strategisch zu betrachten. Verluste sind unvermeidlich, weshalb erfolgreiche Anleger die „Verlustpsychologie“ in ihre Anlagestrategien einbeziehen und Bewältigungsstrategien anwenden. Gewisse Anlagestrategien können dabei helfen, irrationale Entscheidungen, welche auf einer emotionalen Basis getroffen wurden, zu minimieren.

Systematisiertes Investieren

Eine Möglichkeit, psychologische Fallen aufgrund einer Loss Aversion zu vermeiden, besteht darin, eine „systematische“ Anlagestrategie zu verfolgen. Anstatt zu versuchen, die Marktstimmung perfekt zu timen, wird den Anlegern empfohlen, ihre Portfolios auf Basis einer regelbasierten Methodik aufzubauen – man investiert also mit System. Reagiert wird dann nur bei Abweichungen vom System. Da dieses idealerweise schriftlich festgehalten wird, machen sich Abweichungen zudem schnell bemerkbar.

Beispiel: Es ist hilfreich, im Vorfeld von Aktienkäufen eine solide Aktienanalyse durchzuführen, um diese zu bewerten. Dies hilft dabei, sich psychologisch vom Kurs der Aktie zu lösen und vielmehr an den eigentlichen Wert des Unternehmens zu denken. Darauf aufbauend, kann man rational begründbare Anlageentscheidungen treffen.

Im Falle eines Kurseinbruchs der jeweiligen Aktie kann dann das Unternehmen erneut rational analysiert werden, um zu überprüfen, ob sich die fundamentale Situation des Unternehmens verändert hat.

  • Bei einer Verschlechterung der fundamentalen Situation sollte die Aktie dann abgestoßen werden, da sich die ursprüngliche Ausgangslage verschlechtert hat.
  • Sollte sich die fundamentale Situation nicht verschlechtert haben, sollte die Aktie, unabhängig vor kurzfristigen Kursschwankungen gehalten werden.

Feste Regelwerke zur Investition als auch zur Desinvestition helfen dabei, rationale Entscheidungen zu treffen, auch wenn man sich gerade in einer emotionalen Marktlage befindet. Bestenfalls sind diese Regelwerke verschriftlicht, sodass man bei Bedarf immer wieder nachlesen kann, was zu tun ist.

Wertpapiersparpläne als Alternative

Man kann der Falle der Verlustaversion ebenso durch Wertpapiersparpläne entgehen, da auch hier ein automatisierter Prozess geschaffen wird, der es einem ermöglicht, konstant Geld zu investieren, ohne dafür selbst aktiv werden zu müssen.

Wenn man einen Wertpapiersparplan aufsetzt, entscheidet man sich für ein gewisses Wertpapier, häufig einen Indexfonds (ETF) und für eine Sparrate. Steigen die Kurse, kauft man weniger Anteile des jeweiligen Wertpapiers, fallen die Kurse, kauft man automatisch mehr Anteile des jeweiligen Wertpapiers.

Durch dieses Kaufverhalten macht man sich den sogenannten Dollar Cost Averaging, auch bekannt als „Durchschnittskosteneffekt“ zunutze. Die Automatisierung sorgt dafür, dass keine weiteren Entscheidungen mehr getroffen werden müssen. Somit entgeht man auch der Versuchung, in Bärenmärkten emotionale Entscheidungen zu treffen.

Schwankungsreduzierende Strategien nutzen

Wird die Volatilität, also Schwankung, in einem Portfolio reduziert, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, aufgrund eines Loss Aversion Bias, ungünstige Entscheidungen zu treffen. Dies kann über diverse Wege erreicht werden. Beispielsweise kann ein Fokus auf defensive, und somit typischerweise weniger volatile Unternehmen gelegt werden.

Alternativ kann die Verwendung von Handelsinstrumenten, die unabhängig des Basiswertes Schwankung reduzieren, zu einer Reduktion der Portfoliovolatilität führen. Hier sind beispielsweise Optionen als beliebtes Instrument von Händlern und Investoren zu nennen. Diese haben den zusätzlichen Vorteil, dass ein regelmäßiges Einkommen an der Börse erzielt werden kann.

Schwankungsreduzierende Strategien können mit dem systematisierten Investieren kombiniert werden. Hierdurch können sich Anleger einen doppelten Vorteil verschaffen, da sie einerseits die Portfoliovolatilität reduzieren und sich andererseits an feste Regelwerke halten, um psychologische Fallen zu vermeiden.

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