Prospect Theory (Neue Erwartungstheorie) – Definition & Beispiel

Autor: Maik Engelkamp

Die Prospect Theory (deutsch: „Prospect-Theorie“, auch „Neue Erwartungstheorie“) beschreibt, dass Menschen Entscheidungen nicht rein objektiv danach treffen, welches Endergebnis das beste ist, sondern relativ zu einem Bezugspunkt. Die ursprüngliche Theorie wurde 1979 von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky vorgestellt und bietet eine deskriptive Alternative zur klassischen Erwartungsnutzentheorie. Später wurde sie durch die Cumulative Prospect Theory erweitert. 

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Was ist die Prospect Theory? – Definition

Die Prospect Theory besagt, dass Menschen Entscheidungen unter Risiko und Unsicherheit nicht anhand objektiver Endergebnisse bewerten, sondern danach, ob sie gegenüber einem Bezugspunkt Gewinne oder Verluste erwarten. Dabei fallen Verluste meist stärker ins Gewicht als gleich große Gewinne.

Daraus folgt, dass Menschen häufig bei Gewinnen risikoscheu und bei Verlusten risikofreudig handeln. Aus Sicht der klassischen Erwartungsnutzentheorie erscheinen solche Entscheidungen oft als systematische Abweichungen vom rationalen Modell.

Wie funktioniert die Prospect Theory?

Die Prospect Theory erklärt, dass Menschen Entscheidungen unter Risiko nicht ausschließlich nach dem erwarteten Nutzen treffen, sondern Gewinne und Verluste relativ zu einem persönlichen Referenzpunkt bewerten.

Bei Entscheidungen fragen also Menschen nicht nur: „Was habe ich am Ende davon?“ Sondern: „Bin ich dann besser oder schlechter dran als erwartet, als vorher oder als mein innerer Vergleichspunkt?“

Zentrale Merkmale sind die Verlustaversion (Verluste wiegen meist schwerer als gleich große Gewinne) und die Orientierung an einem individuellen Referenzpunkt.

Vereinfachtes Beispiel:

Du hast aktuell 1.000 EUR.

  • Szenario A: Du bekommst +100 EUR.
  • Szenario B: Du verlierst 100 EUR.

Objektiv sind das einfach zwei Veränderungen deines Vermögens. Aber psychologisch fühlt sich der Verlust von 100 EUR meistens stärker an als der Gewinn von 100 EUR sich gut anfühlt. Das ist ein Kernpunkt der Prospect Theory: Verluste wiegen subjektiv schwerer als gleich große Gewinne.

Theoretischer Hintergrund

In der Prospect Theory wird zwischen einer Bearbeitungsphase (Editing) und einer Bewertungsphase (Evaluation) unterschieden.

  • In der Bearbeitungsphase werden Alternativen vereinfacht und relativ zu einem Referenzpunkt als Gewinne oder Verluste eingeordnet.
  • In der Bewertungsphase werden diese Gewinne und Verluste subjektiv bewertet.

Die Wertfunktion ist typischerweise konkav im Gewinnbereich, konvex im Verlustbereich und im Verlustbereich steiler. Das bedeutet: Verluste wirken psychologisch stärker als gleich große Gewinne.

Loss Aversion (Verlustaversion): Ein Verlust wird stärker als ein Gewinn derselben Höhe wahrgenommen.
Loss Aversion (Verlustaversion): Ein Verlust wird stärker als ein Gewinn derselben Höhe wahrgenommen.

Zusätzlich werden Wahrscheinlichkeiten nicht immer linear verarbeitet, sondern durch Entscheidungsgewichte ersetzt. Kleine Wahrscheinlichkeiten können übergewichtet, mittlere oder hohe Wahrscheinlichkeiten dagegen untergewichtet werden.

Eine Option mit sicherem Gewinn wird daher häufig bevorzugt gegenüber einer risikobehafteten Alternative mit gleichem Erwartungswert – insbesondere, wenn die Entscheidung entsprechend gerahmt ist (Framing-Effekt).

Beispiel zur Prospect Theory

Eine Person steht vor folgender Entscheidung:

Option A: sicherer Gewinn von 500 EUR
Option B: 50 % Chance auf 1.000 EUR und 50 % Chance auf 0 EUR

Obwohl der Erwartungswert in beiden Fällen 500 EUR beträgt, wählen viele Menschen Option A, also den sicheren Gewinn. Das zeigt Risikoaversion im Gewinnbereich, wie sie die Prospect Theory typischerweise beschreibt.

Wird die Entscheidung negativ formuliert, verändert sich häufig die Wahl:

Option C: sicherer Verlust von 500 EUR
Option D: 50 % Chance, 1.000 EUR zu verlieren, und 50 % Chance, nichts zu verlieren

In diesem Fall wählen viele Menschen Option D, also die riskantere Variante. Das zeigt die Tendenz, im Verlustbereich risikofreudiger zu entscheiden, um einen sicheren Verlust zu vermeiden.

Dieses Muster gilt jedoch nicht immer: Bei sehr kleinen Wahrscheinlichkeiten können Menschen auch bei möglichen Gewinnen risikofreudig und bei möglichen Verlusten risikoscheu handeln.

Psychologische Effekte in der Prospect Theory

Drei zentrale psychologische Effekte veranschaulichen die Kernaussagen der Prospect Theory:

  • Gewissheitseffekt (Certainty Effect): Menschen gewichten sichere Ergebnisse häufig stärker als nur wahrscheinliche Ergebnisse. Dadurch bevorzugen sie sichere Gewinne oft gegenüber riskanten Alternativen und sind bei sicheren Verlusten eher bereit, Risiken einzugehen, um den Verlust zu vermeiden.
  • Isolationseffekt (Isolation Effect): In komplexen Entscheidungssituationen ignorieren Menschen häufig Komponenten, die allen Alternativen gemeinsam sind. Dadurch kann dieselbe Entscheidung je nach Darstellung unterschiedlich bewertet werden.
  • Verlustaversion (Loss Aversion): Verluste wirken psychologisch meist stärker als gleich große Gewinne. Deshalb vermeiden Menschen tendenziell Entscheidungen, die als Verluste empfunden werden, selbst wenn sie rational betrachtet vorteilhaft sein könnten.

Entstehung der Theorie

Die Prospect Theory wurde 1979 von Daniel Kahneman und Amos Tversky entwickelt und gilt als Reaktion auf die Grenzen der klassischen Erwartungsnutzentheorie (engl.: Expected Utility Theory). Während letztere davon ausgeht, dass Menschen rational nach dem höchsten erwarteten Nutzen entscheiden, zeigt die Prospect Theory, dass tatsächliche Entscheidungen häufig systematisch davon abweichen.

1992 erweiterten Kahneman und Tversky die Theorie zur Cumulative Prospect Theory. Diese berücksichtigt zusätzlich, dass Menschen Wahrscheinlichkeiten nicht linear gewichten: Kleine Wahrscheinlichkeiten werden oft überschätzt, während mittlere und hohe Wahrscheinlichkeiten eher unterschätzt werden.

Dadurch lassen sich auch Entscheidungen erklären, die mit der ursprünglichen Prospect Theory nur begrenzt abbildbar waren, etwa Lotterien, Versicherungen oder riskante Finanzentscheidungen mit sehr kleinen Eintrittswahrscheinlichkeiten.

Auswirkungen der Prospect Theory auf Investoren

Die Prospect Theory hilft dabei, systematische und vorhersehbare Abweichungen im Verhalten vieler Investoren zu verstehen. Damit ist sie ein wichtiger Ansatz der Börsenpsychologie und Behavioral Finance.

In der Praxis sind einige Auswirkungen zu beobachten.

  • Verlustaversion:
    • Anleger neigen dazu, Verlustpositionen zu lange zu halten, in der Hoffnung auf Erholung.
    • Umgekehrt verkaufen sie Gewinner oft zu früh, um Gewinne zu sichern – ein Verhalten, das als Dispositionseffekt bekannt ist.
  • Referenzpunktabhängigkeit:
    • Statt nur den aktuellen Marktwert zu betrachten, bewerten Investoren ihre Position häufig relativ zu einem Referenzpunkt (z. B. Einstiegskurs).
    • Das kann zu unvorteilhaften Entscheidungen führen, z. B. dass Verluste nicht realisiert werden, obwohl ein Verkauf wirtschaftlich sinnvoll wäre.
  • Risiko-Neigung in Verlustsituationen:
    • In schwierigen Marktphasen können Investoren dazu neigen, höhere Risiken einzugehen, etwa durch „Averaging Down“. Dabei werden weitere Anteile eines bereits gefallenen Investments gekauft, um den durchschnittlichen Einstiegspreis zu senken. Dies kann Verluste weiter verstärken, wenn der Kurs weiter fällt.
  • Framing-Effekte und Mental Accounting:
    • Investoren treffen teils unterschiedliche Entscheidungen, obwohl die objektiven Fakten gleich sind – abhängig davon, wie eine Situation dargestellt wird. Beispiel: Eine Anlage kann entweder als „20-prozentige Verlustwahrscheinlichkeit“ oder als „80-prozentige Chance, keinen Verlust zu erleiden“ beschrieben werden. Obwohl beide Aussagen dasselbe bedeuten, können sie unterschiedlich wahrgenommen werden.
    • Mental Accounting: Anleger führen mentale Konten (z. B. „Spaßgeld“ vs. „Rücklagen“) und behandeln Geld je nach „Konto“ unterschiedlich. Beispiel: Gewinne aus spekulativen Anlagen werden eher erneut risikoreich investiert, während Ersparnisse für die Altersvorsorge vorsichtiger angelegt werden.
  • Über- oder Unterreaktion auf Marktbewegungen: Da Gewinne und Verluste relativ zu einem Referenzpunkt bewertet werden, reagieren Investoren häufig emotional auf kurzfristige Kursschwankungen.
    • Es kann zu übertriebenen Käufen oder Verkäufen kommen, was Volatilität erhöhen kann.
    • Märkte können dadurch zeitweise von Fundamentaldaten abweichen.

Beispiel für die Prospect Theory an der Börse

Ein Anleger erhält zwei Präsentationen zum selben Aktienfonds:

  • Berater A betont: „Der Fonds erzielte in 70 von 100 vergleichbaren Dreijahreszeiträumen eine positive Rendite.“
  • Berater B sagt: „Der Fonds erzielte in 30 von 100 vergleichbaren Dreijahreszeiträumen keine positive Rendite.“

Obwohl es sich um dasselbe Anlageprodukt handelt und beide Aussagen objektiv dieselbe Information beschreiben, wirkt die Darstellung von Berater A auf viele Anleger attraktiver. Die positive Formulierung rückt die Gewinnwahrscheinlichkeit in den Vordergrund, während die zweite Formulierung stärker an mögliche Verluste oder enttäuschende Ergebnisse erinnert.

Die Prospect Theory erklärt dieses Verhalten durch den Framing-Effekt: Menschen reagieren unterschiedlich auf logisch gleichwertige Informationen, je nachdem, ob diese als Gewinn, Verlust, Chance oder Risiko dargestellt werden.

Rationaler investieren trotz Prospect Theory

Die Prospect Theory führt dazu, dass Investoren emotional auf Gewinne und Verluste reagieren und dadurch oft Entscheidungen treffen, die nicht optimal zu ihren langfristigen Zielen passen.

Einige Tipps können dabei helfen, ein solches Verhalten zu vermeiden. So können Investitionsentscheidungen stärker auf rationalen Argumenten statt auf psychologischen Fallstricken beruhen.

Systematisiertes Investieren

Ein wirksames Gegenmittel ist das systematisierte Investieren:

Durch feste, wissenschaftlich fundierte Regelwerke und den Einsatz von Checklisten treffen Anleger Entscheidungen auf klarer, nachvollziehbarer Grundlage – unabhängiger von emotionalen Verzerrungen. So lassen sich psychologische Fallstricke reduzieren, und die Entscheidungsqualität kann sich langfristig verbessern.

Risikobereinigte Renditen berücksichtigen

Die Prospect Theory zeigt, dass Investoren dazu neigen können, Risiken zu vernachlässigen, wenn Renditen positiv gerahmt sind.

Eine Lösung dafür ist die Berücksichtigung risikoadjustierter Kennzahlen, wie z. B. der Sharpe Ratio oder Sortino Ratio. Diese setzen die erzielte Rendite ins Verhältnis zum eingegangenen Risiko. So wird nicht nur der Gewinn, sondern auch die Volatilität oder das Verlustrisiko bewertet.

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