Prospect Theory (Neue Erwartungstheorie) – Definition & Beispiel

Autor: Maik Engelkamp

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Was ist die Prospect Theory? – Definition

Die Prospect Theory besagt, dass Menschen Gewinne und Verluste unterschiedlich bewerten und Gewinnen mehr Gewicht beimessen als Verlusten. Ein Anleger, der zwischen zwei gleichwertige Anlagemöglichkeiten wählen soll, wird sich daher für die Investition entscheiden, die die höchstmögliche Gewinnwahrscheinlichkeit zu bieten scheint.

Die Prospect Theory stammt aus dem Bereich der Verhaltensökonomie (Behavioral Finance). Die Verhaltensökonomie kombiniert Elemente der Wirtschaftswissenschaften und der Psychologie, um zu verstehen, wie und warum sich Menschen in der realen Welt so verhalten, wie sie es tun.

Ursachen der Prospect Theory

Drei verhaltensökonomische Konzepte unterstützen die Erkenntnisse der Prospect Theory und erklären mögliche Ursachen für das beschriebene Verhalten:

  • Gewissheitseffekt (englisch: “Certainty Effect”): Der Gewissheitseffekt besagt, dass Menschen sichere Ergebnisse bevorzugen und nur wahrscheinliche Ergebnisse untergewichten, solange das sichere Ergebnis einen Gewinn darstellt. Dieser Effekt führt dazu, dass Risiken gemieden werden, wenn die Aussicht auf einen sicheren Gewinn besteht und Risiken eingehen, wenn die Aussicht auf einen sicheren Verlust besteht.
  • Isolationseffekt (englisch: “Isolation Effect”): Der Isolationseffekt tritt auf, wenn Menschen zwei Optionen mit demselben Ergebnis, aber unterschiedlichen Wegen dorthin konfrontiert werden. In diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass die Menschen ähnliche Informationen ausblenden, um die kognitive Belastung zu verringern. Die Formulierung der jeweiligen Optionen ist somit ursächlich für die getroffene Entscheidung.
  • Verlustaversion (englisch: “Loss Aversion”): Bei der Wahl zwischen mehreren Alternativen versuchen die Menschen Verluste zu vermeiden und streben nach sicheren Gewinnen, weil der Schmerz eines Verlustes größer ist als die Befriedigung eines entsprechenden Gewinns.

Hintergründe und Entstehung der Theorie

Die Prospect Theory beschreibt, wie Individuen eine Wahl zwischen probabilistischen Alternativen treffen, bei denen ein Risiko besteht und die Eintrittswahrscheinlichkeit verschiedener Ergebnisse unbekannt ist. Diese Theorie wurde 1979 formuliert und 1992 von Amos Tversky und Daniel Kahneman weiterentwickelt, da sie im Vergleich zur Erwartungsnutzentheorie für psychologisch genauer gehalten wurde.

Die Erwartungsnutzentheorie (engl.: expected utility theory) schätzt den wahrscheinlichen Nutzen einer Handlung beim ungewissen Ausgang. Sie besagt, dass die rationale Entscheidung darin besteht, eine Handlung mit dem höchsten erwarteten Nutzen zu wählen.

Wie funktioniert die Prospect Theory?

Die zugrundeliegende Erklärung für das Verhalten eines Individuums im Rahmen der Prospect Theory besteht darin, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns oder eines Verlustes häufig mit je 50 Prozent angenommen wird, unabhängig davon, welche Wahrscheinlichkeiten den Personen präsentiert werden. Tversky und Kahneman, beobachteten jedoch, dass Verluste eine größere emotionale Auswirkung auf eine Person haben als ein gleichwertiger Gewinn.

Loss Aversion (Verlustaversion): Ein Verlust wird stärker als ein Gewinn derselben Höhe wahrgenommen.
Loss Aversion (Verlustaversion): Ein Verlust wird stärker als ein Gewinn derselben Höhe wahrgenommen.

Um den Schmerz eines Verlustes zu vermeiden, wird eine Person daher bei zwei Varianten, die beide das gleiche Ergebnis versprechen, die Option wählen, bei der ein Gewinn als am sichersten empfunden wird.

Beispiel: Angenommen, eine Person steht vor einer Entscheidung, die zum Endergebnis immer den Erhalt von 25 Euro hat. Die erste Option besteht darin, 25 Euro direkt zu erhalten. Die zweite Option besteht darin, zunächst 25 Euro abzugeben und anschließend 50 Euro zu erhalten (oder zunächst 50 Euro zu erhalten und anschließend 25 Euro zurückzugeben).

Der Nutzen der 25 Euro der beiden Optionen ist also exakt gleich hoch. Die meisten Menschen entscheiden sich jedoch für den direkten Erhalt von Bargeld, da ein einmaliger Gewinn im Allgemeinen als vorteilhafter angesehen wird, als die Kombination eines Gewinns und eines Verlustes.

Auswirkungen der Prospect Theory auf Investoren

Die Prospect Theory veranschaulicht, wie Investoren, Chancen und Risiken bewerten, und zeigt, dass sie dazu neigen, den mit Verlusten verbundenen Schmerz zu vermeiden. Potenzielle Gewinne werden daher grundsätzlich höher gewichtet als potenzielle Verluste.

Dieser Umstand könnte beispielsweise der Grund sein, warum manche Menschen nicht bereit sind, eine gut laufende Investition aufzugeben, obwohl die Alternative eine weitaus höhere, aber ungewisse Rendite verspricht.

Zudem erklärt die Theorie, warum manche Investoren Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer Buy-and-Hold-Strategie haben. Wenn eine Aktie im Depot gestiegen ist, wird ein Anleger häufig verkaufen wollen, auch wenn er rational gesehen weiß, dass er viel größere Gewinne erzielen könnte, wenn er weiter an der Position festhält.

Beispiel für die Prospect Theory an der Börse

Angenommen ein Anleger erhält zwei Angebote für ein und denselben Aktienfonds.

  • Der erste Berater stellt den Fonds vor und hebt hervor, dass dieser in den letzten drei Jahren eine durchschnittliche Rendite von jährlich 10 Prozent erzielt hat.
  • Ein zweiter Berater erklärt dem Anleger, dass der Fonds in den letzten zehn Jahren überdurchschnittliche Renditen erzielt hat, in den letzten drei Jahren jedoch rückläufig war.

Die Prospect Theory besagt, dass der Anleger, obwohl ihm genau derselbe Investmentfonds angeboten wurde, eher bei dem ersten Berater kaufen wird. Das liegt daran, weil der erste Berater die Rendite des Fonds nur in Form von Gewinnen angibt, während der zweite Berater zwar hohen Renditen, aber auch Verlusten präsentiert.

Prospect Theory beim Investieren überwinden – 2 Tipps

Die Prospect Theory kann dazu führen, dass Anleger irrationale Entscheidungen treffen, wenn sie eine Investitionsentscheidung treffen. Bei der Auswahl zwischen mehreren Alternativen werden Anleger häufig die Alternative wählen, welche die Gewinne hervorhebt und vor der Alternative, die auch Verluste transparent offenlegt, zurückschrecken.

Einige Tipps können dabei helfen, einer solchen Verhaltensweise vorzubeugen und dazu beitragen, dass Investitionsentscheidungen auf Basis von rationalen Argumenten anstelle von psychologischen Fallstricken getroffen werden.

Tipp Nummer 1 – Systematisiertes Investieren

Eine empfehlenswerte Möglichkeit, um etwaigen psychologischen Fallstricken zu entgehen und gleichzeitig eine überdurchschnittliche Rendite zu generieren, ist das systematisierte Investieren. Hierbei bedient sich der Investor wissenschaftlich begründeter Regelwerke, um seine Investitionsentscheidungen zu treffen.

Somit kann der Investor bei jeder getroffenen Entscheidung auch Jahre später noch die genauen Gründe der speziellen Entscheidung nachvollziehen. Da die Entscheidungsgrundlage durch Regeln klar definiert wird, spielen psychologische Fallstricke nur noch eine untergeordnete Rolle. Bestenfalls werden zusätzlich Checklisten in den Entscheidungsprozess integriert.

Tipp Nummer 2 – Risikobereinigte Renditen berücksichtigen

Die Berücksichtigung der risikobereinigten Rendite kann ebenfalls dazu beitragen, dass Entscheidungen robuster getroffen werden, als wenn diese auf Basis von Emotionen getroffen würden. Die Prospect Theory besagt, dass Investoren jeweils die Investition bevorzugen, bei der die Gewinne deutlicher herausgestellt werden.

Dieses Verhalten kann zu einer Vernachlässigung von möglichen Risiken führen. Die Substitution von Gewinnen/Renditen durch die Berechnung der risikobereinigten Rendite führt dazu, dass das auf der Prospect Theory basierende Verhalten entschärft wird. Der Investor entscheidet sich bei dem Vergleich von risikobereinigten Renditen noch immer für den höheren Gewinn. Allerdings wird ebenfalls das Risiko berücksichtigt, weshalb die Entscheidung robuster wird.

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