Ankereffekt (Anchoring Bias) – Definition & Beispiel
Der Ankereffekt (engl. Anchoring Bias, auch Ankerheuristik) bezeichnet die Tendenz von Menschen, sich bei Urteilen und Entscheidungen zu stark an einer zuerst wahrgenommenen Zahl oder Information zu orientieren. Dieser Ausgangswert dient als psychologischer Bezugspunkt („Anker“) für weitere Einschätzungen – auch dann, wenn er nur teilweise relevant oder sogar zufällig ist.
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Was ist ein Ankereffekt? – Definition
Der Ankereffekt ist eine Urteils- und Schätzungsverzerrung, bei der Menschen spätere Schätzungen, Bewertungen oder Verhandlungen unbewusst an einem Anfangswert ausrichten.
Solche Anker können von außen vorgegeben sein – etwa durch einen Listenpreis – oder selbst entstehen, z. B. durch den Kaufpreis. In Experimenten beeinflusste selbst eine zufällig vorgegebene Zahl die anschließende Schätzung.
Ein Beispiel aus der Börsenpraxis: Eine Aktie wirkt auf viele Anleger attraktiver, wenn sie deutlich unter ihrem früheren Höchststand notiert.
Ursachen des Ankereffekts
Die genauen Ursachen des Ankereffekts sind weiterhin Gegenstand der Forschung. Heute gilt als gut belegt, dass nicht immer derselbe Mechanismus wirkt. Vielmehr hängt es unter anderem davon ab, ob ein Anker selbst erzeugt oder von außen vorgegeben wird.
Anpassungsheuristik
Die klassische Erklärung stammt von Amos Tversky und Daniel Kahneman, zwei Pionieren der Verhaltensökonomie. Ihrer Theorie zufolge starten Menschen bei Schätzungen oft mit einem Ausgangswert (dem „Anker“) und passen diesen anschließend an. Diese Korrektur fällt jedoch häufig zu gering aus.
Selektive Zugänglichkeit
Bei von außen vorgegebenen Ankern wird der Effekt heute häufig über die sogenannte selektive Zugänglichkeit erklärt. Gemeint ist: Ein Anker macht vor allem solche Informationen gedanklich leichter verfügbar, die zu diesem Anker passen. Dadurch erscheinen ankerkonsistente Einschätzungen plausibler, selbst wenn der Ausgangswert sachlich nur begrenzt relevant ist.
Weitere Einflüsse
Wie stark der Ankereffekt ausfällt, hängt zudem von der konkreten Situation ab. Eine Rolle spielen unter anderem Unsicherheit, Fachkenntnis, Aufmerksamkeit und der Entscheidungsdruck. Einige Studien finden auch Unterschiede je nach Stimmungslage.
Wie funktioniert der Ankereffekt?
Ein klassisches Beispiel aus dem Alltag ist das Einstellungsgespräch, in dem Unternehmen und Bewerber über das Gehalt verhandeln. Entscheidend ist oft, wer den ersten konkreten Betrag nennt, denn dieser Betrag setzt einen psychologischen Referenzpunkt für die weitere Verhandlung.
Macht das Unternehmen den ersten Schritt, liegt das Angebot häufig unterhalb des eigentlichen Spielraums. Dieser niedrige Anker kann die Erwartungen des Bewerbers nach unten verschieben. Beginnt hingegen der Bewerber mit einer ambitionierten Gehaltsforderung, orientiert sich das Unternehmen häufig an diesem höheren Ausgangswert und die spätere Einigung fällt im Durchschnitt ebenfalls höher aus.
Auswirkungen der Ankerheuristik auf Investoren
Der Ankereffekt kann Investoren in nahezu allen Phasen des Anlageprozesses beeinflussen – von der ersten Bewertung eines Unternehmens bis zur Entscheidung über Kauf, Halten oder Verkauf.
Typische Anker im Börsenalltag sind der eigene Kaufpreis, frühere Höchststände, alte Kursziele, runde Marken (z. B. 100) oder Vergleichswerte aus derselben Branche. Solche Zahlen sind leicht verfügbar und wirken deshalb oft stärker, als es sachlich gerechtfertigt wäre.
Im Anlagekontext führt dies häufig dazu, dass Investoren Verluste nicht realisieren, weil sie ihre Einschätzung am ursprünglichen Einstiegskurs orientieren, statt an aktuellen Fundamentaldaten. Umgekehrt werden Aktien manchmal vorschnell verkauft, nur weil der Kurs bereits deutlich über dem Kaufpreis liegt.
Beispiel für den Ankereffekt an der Börse
An der Börse zeigt sich die Ankerheuristik besonders deutlich an Referenzpunkten wie dem ursprünglichen Kaufpreis oder einem früheren Hoch.
Ein typisches Szenario:
- Ein Anleger hat eine Aktie zu 100 EUR gekauft. Fällt der Kurs auf 80 EUR, möchte er oft „zumindest wieder auf Einstand kommen“, bevor er verkauft. Der Kaufpreis von 100 EUR bleibt der psychologische Anker – obwohl für die aktuelle Entscheidung vor allem zählt, wie das Unternehmen heute zu bewerten ist.
- Ein anderer Anleger betrachtet eine Aktie, die im vergangenen Jahr bei 100 EUR notierte und heute bei 95 EUR steht. Der frühere Höchststand wirkt als Referenzpunkt. Die Aktie erscheint dann entweder „fast wieder so teuer wie früher“ oder „noch mit Aufholpotenzial“, obwohl beides ohne aktuelle Fundamentalanalyse wenig aussagt.
In beiden Fällen wird ein leicht verfügbarer Referenzwert zur Entscheidungsgrundlage.
Überschneidung mit anderen kognitiven Verzerrungen
Der Ankereffekt überschneidet sich häufig mit anderen Verzerrungen, insbesondere mit der Verlustaversion und dem sogenannten Dispositionseffekt.
Beim Ankereffekt orientieren sich Entscheidungen an einem anfänglichen Referenzwert, von dem anschließend nur unzureichend abgewichen wird. Verlustaversion bezeichnet dagegen eine Bewertungsasymmetrie im Sinne der Prospect Theory: Verluste werden psychologisch stärker gewichtet als gleich hohe Gewinne.
Diese Mechanismen greifen oft ineinander: Ein Kaufpreis kann als kognitiver Anker fortwirken, während die Verlustaversion die Bereitschaft senkt, einen Verlust tatsächlich zu realisieren. Der Dispositionseffekt ist die im Anlagekontext beobachtbare Verhaltensfolge, Gewinne zu früh zu realisieren und Verluste zu lange laufen zu lassen.
Ankereffekt beim Investieren vermeiden
Der Ankereffekt lässt sich im Anlageprozess zwar kaum vollständig vermeiden, aber durch bewusstes und strukturiertes Vorgehen deutlich abschwächen. Ein zentraler erster Schritt ist, die Herkunft des Ankers zu erkennen: Handelt es sich um eine sachlich relevante Information – oder nur um einen auffälligen Referenzwert wie den Einstiegskurs, ein altes Kursziel oder ein früheres Hoch?
Eine gründliche Analyse der Einflussfaktoren auf einen Aktienkurs – etwa Gewinnentwicklung, Kapitalrendite, Marktstellung, Verschuldung und Wettbewerbssituation – hilft, den Blick von emotional aufgeladenen Preisankern auf die tatsächliche Unternehmensqualität zu lenken.
Systematisiertes Investieren
Ein strukturierter Investmentprozess mit klaren Regeln kann helfen, psychologische Verzerrungen zu reduzieren. Dazu gehört zum Beispiel:
- die Bewertung eines Unternehmens auf Basis objektiver Kriterien (z. B. Ertragskraft, Wachstumspotenzial),
- die Bestimmung eines fairen Werts (innerer Wert), möglichst unabhängig vom aktuellen Marktpreis,
- und eine regelmäßige Überprüfung der ursprünglichen Investmentthese, etwa nach Geschäftsberichten, Prognoseänderungen oder strukturellen Marktverschiebungen.
Besonders hilfreich ist es, eine eigene Bewertung möglichst zu formulieren, bevor man sich intensiv mit aktuellen Kursen, Kurszielen oder Analystenkonsens beschäftigt. So sinkt die Gefahr, fremde Referenzwerte unbewusst zu übernehmen.
Kognitive Selbstkontrolle und Perspektivwechsel
Ergänzend dazu ist mentale Disziplin wichtig: Wer weiß, dass Anker unbewusst wirken, kann Entscheidungen bewusster strukturieren. Hilfreich ist z. B.:
- sich aktiv zu fragen: „Würde ich die Aktie heute zu diesem Preis neu kaufen, wenn ich sie noch nicht im Depot hätte?“
- sich bewusst Gegenargumente zur eigenen Einschätzung sammeln („consider the opposite“), indem man sich aktiv fragt, welche Fakten gegen den gerade präsenten Referenzwert sprechen,
- den aktuellen Kurs nicht mit dem Kaufpreis oder dem historischen Hoch, sondern mit dem geschätzten Fair Value zu vergleichen,
- und wichtige Entscheidungen mit einer Checkliste oder einem unbeteiligten Dritten zu reflektieren.
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