Average True Range (ATR) Indikator – Erklärung, Berechnung & Beispiel
Der Average True Range (ATR) (deutsch etwa: „durchschnittliche wahre Schwankungsbreite“) ist ein Volatilitätsindikator, der misst, wie stark ein Basiswert im Durchschnitt pro Periode schwankt – unabhängig von der Richtung. Er hilft Händlern, das aktuelle Volatilitätsniveau einzuschätzen und darauf aufbauend Stopps, Positionsgrößen und Kursziele volatilitätsgerecht festzulegen.
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Average True Range (ATR) im Überblick
| Indikator-Steckbrief: Average True Range (ATR) | |
|---|---|
| Kategorie | Volatilität |
| Darstellung | Oszillator (separates Panel unterhalb des Kurscharts) |
| Standardparameter | Periode: 14 (Wilder nutzte in seiner Arbeit teils auch 8) |
| Wertebereich | Unbegrenzt nach oben, ≥ 0; in absoluten Kurseinheiten des Basiswerts |
| Typische Zeitrahmen | Intraday (1 Min – 4 Std), Daily, Weekly, Monthly |
| Märkte | Aktien, Indizes, Forex, Futures, Kryptowährungen – universell einsetzbar |
| Entwickelt von | J. Welles Wilder Jr. (1978) |
Average True Range (ATR)-Signale und Interpretation
Der ATR ist ausdrücklich kein Richtungsindikator. Er sagt nicht, ob der Kurs steigt oder fällt, sondern nur, wie stark er sich bewegt. Ein steigender ATR signalisiert zunehmende Volatilität, ein fallender ATR eine ruhiger werdende, oft kontrahierende Marktphase. Entsprechend liefert er keine klassischen Kauf- oder Verkaufssignale, sondern Kontext für Timing, Risiko und Positionsgröße.
Kaufsignal
Ein ATR-Anstieg nach einer Phase niedriger Volatilität kann einen bestätigten Ausbruch begleiten: Bricht der Kurs über eine Widerstandszone aus und weitet sich gleichzeitig der ATR aus, gilt die Bewegung als energiegeladen. Der ATR bestätigt hier also lediglich das Signal eines anderen Indikators und gibt keine eigenständigen Kaufsignale.
Verkaufssignal
Analog untermauert ein expandierender ATR einen Abwärtsausbruch. Zudem kann der ATR-basierte Trailing-Stop (z.B. Kurs schließt unterhalb von „Höchstkurs − 3 × ATR“) als volatilitätsangepasstes Ausstiegssignal aus einer Long-Position dienen.
Neutraler Bereich
Ein sehr niedriger, flacher ATR zeigt eine Konsolidierung oder Seitwärtsphase mit geringer Bewegungsenergie. In solchen Phasen liefert der ATR keine Handlungsimpulse. Häufig geht eine ausgeprägte Volatilitätskontraktion aber einem größeren Ausbruch voraus, weshalb sich Beobachtung lohnt.
Volatilitäts-Kontext statt Divergenz
Klassische bullische/bärische Divergenzen wie bei Momentum-Oszillatoren sind beim ATR nicht sinnvoll, da er keine Richtung abbildet. Aussagekräftig ist stattdessen der Vergleich des aktuellen ATR mit seinem eigenen längerfristigen Mittel (z.B. ATR(14) gegen den 50-Perioden-Durchschnitt des ATR), um „komprimierte“ von „gedehnten“ Marktphasen zu unterscheiden.
ATR und Trendwechsel – ein häufiges Missverständnis
Oft liest man, ein niedriger ATR signalisiere ein Markt-Top und ein hoher ATR einen wahrscheinlichen Trendwechsel. Diese Deutung ist eine unzulässige Heuristik, da der ATR ausschließlich die Schwankungsbreite, nicht jedoch die Richtung misst.
Zwar geht Volatilität in fallenden Märkten typischerweise nach oben, doch ein steigender ATR kann eine Bewegung nach oben oder unten begleiten. Sinnvoll ist der ATR hier nur als Kontextfilter. Die Richtungsentscheidung liefert stets ein zusätzlicher Indikator.
Berechnung des Average True Range (ATR)-Indikators
Die Berechnung des ATR-Indikators erfolgt in mehreren Schritten. Ausgangspunkt sind Hoch (High), Tief (Low) und Schlusskurs (Close) aufeinanderfolgender Perioden. Zunächst wird für jede Periode die sogenannte True Range (TR) ermittelt – also die „wahre“ Handelsspanne, die im Gegensatz zur einfachen Hoch-Tief-Spanne auch Kurslücken (Gaps) zum vorherigen Schlusskurs erfasst:
- Liegt der Vortagesschluss innerhalb der aktuellen Spanne, entspricht die True Range der einfachen Hoch-Tief-Spanne.
- Liegt der Vortagesschluss außerhalb (Gap nach oben oder unten), wird die Spanne bis zu diesem Schlusskurs ausgedehnt. So wird die durch die Lücke „fehlende“ Volatilität berücksichtigt.
Schritt 1 – True Range je Periode:
Schritt 2 – Erster ATR-Wert (einfacher Durchschnitt der ersten n TR-Werte):
Schritt 3 – Fortlaufende Glättung nach Wilder (Standard n = 14):
Mit dem Standardwert n = 14 lautet die laufende Formel konkret:
ATRP: Average True Range in Prozent
Der ATRP setzt den ATR ins Verhältnis zum aktuellen Schlusskurs und gibt somit Auskunft über die durchschnittliche Schwankungsbreite in Prozent im Verhältnis zum aktuellen Kursniveau. So können Volatilitäten unterschiedlicher Basiswerte miteinander verglichen werden.
Dabei steht ATRt für den aktuellen Average True Range (ATR) und Ct für den aktuellen Schlusskurs der betrachteten Periode.
Beispiel für den ATRP
Angenommen, zwei Aktien haben jeweils einen ATR von 5 Euro:
- Aktie A: Schlusskurs 100 Euro, ATR 5 Euro → ATRP = 5 %
- Aktie B: Schlusskurs 500 Euro, ATR 5 Euro → ATRP = 1 %
Obwohl beide Aktien denselben absoluten ATR-Wert haben, schwankt Aktie A relativ zum Kursniveau deutlich stärker. Durch den ATRP wird diese Differenz erkennbar und ist daher besonders geeignet für den Vergleich unterschiedlicher Aktien, Indizes, Währungen oder Kryptowährungen.
Typische Average True Range (ATR)-Einstellungen
Der wichtigste Parameter ist die Periode. Die Standardeinstellung von 14 liefert einen ausgewogenen Kompromiss aus Reaktionsschnelligkeit und Stabilität.
- Eine kürzere Periode (z.B. 7 oder 8) macht den ATR nervöser und lässt ihn schneller auf frische Volatilitätsschübe reagieren – ideal für kurzfristige Handelsaktivitäten, aber anfälliger für Ausreißer.
- Eine längere Periode (z.B. 20 oder 28) glättet stärker, reagiert träger und eignet sich besser für übergeordnete Volatilitätseinschätzungen und Swing-Ansätze.
Neben der Periode lässt sich in vielen Plattformen zusätzlich der Glättungstyp (Wilder/SMMA, EMA oder SMA) wählen. Die klassische Wilder-Glättung entspricht dem Original.
Beispiel: Average True Range (ATR)-Indikator im Chart
Der folgende Tageschart zeigt den S&P-500-Index (SPX) mit dem ATR(14) in einem separaten Panel. Gut erkennbar ist, wie der ATR in ruhigen Aufwärtsphasen absinkt und bei scharfen Kursrücksetzern deutlich nach oben schießt – ein anschauliches Bild dafür, dass Volatilität in fallenden Märkten typischerweise zunimmt.
Praxisbeispiel: Stop-Loss, Take-Profit und Positionsgröße mit dem ATR
Der eigentliche Nutzen des ATR zeigt sich im Risikomanagement. Das folgende Beispiel geht von einer Long-Position in einer Aktie aus: Einstieg bei 50,00 EUR, aktueller ATR(14) = 1,50 EUR.
Volatilitätsangepasster Stop-Loss und Take-Profit
Statt eines festen Abstands wird der Stop-Order als Vielfaches des ATR gesetzt – so liegt er außerhalb der üblichen Kursschwankungen:
- Stop-Loss (2 × ATR): 50,00 EUR − (2 × 1,50 EUR) = 47,00 EUR
- Take-Profit (3 × ATR): 50,00 EUR + (3 × 1,50 EUR) = 54,50 EUR
Daraus ergibt sich ein Chance-Risiko-Verhältnis von 1,5 : 1. Steigt die Volatilität, weiten sich Stop und Ziel automatisch mit. Das ist der Kern eines ATR-basierten Trailing-Stops.
Positionsgröße nach Volatilität bemessen
Aus dem Stop-Abstand lässt sich direkt eine risikobasierte Positionsgröße ableiten. Bei einem Konto von 20.000 EUR und 1 % Risiko pro Transaktion (= 200 EUR maximaler Verlust) und einem Stop-Abstand von 2 × ATR = 3,00 EUR je Aktie gilt:
Realistische Kursziele abschätzen
Der ATR gibt zudem eine grobe Erwartung für die mögliche Bewegung je Periode. Bewegt sich ein Wert im Schnitt 1,50 EUR pro Tag, ist ein Tagesziel von mehreren ATR unrealistisch – ein Ziel im Bereich von ein bis zwei ATR dagegen plausibel. So lässt sich prüfen, ob ein geplantes Take-Profit-Niveau überhaupt zur typischen Bewegungsenergie des Basiswerts passt.
ATR-Indikator in TradingView erstellen
Der Average True Range (ATR) gehört in TradingView zu den fest integrierten Standard-Indikatoren und lässt sich in wenigen Schritten auf jedem Chart aktivieren:
- Schritt 1: Den gewünschten Basiswert öffnen (z.B. SP:SPX oder den E-mini-Future CME_MINI:ES1!).
- Schritt 2: In der oberen Toolbar auf „Indikatoren“ (Indicators) klicken, um die Indikator-Suche zu öffnen.
- Schritt 3: Im Suchfeld „Average True Range“ bzw. „ATR“ eingeben und den Treffer aus der Kategorie der eingebauten Indikatoren (Technicals) auswählen.
- Schritt 4: Mit einem Klick wird der ATR in einem separaten Panel unterhalb des Kurscharts hinzugefügt.
- Schritt 5: Über das Zahnrad-Symbol (Einstellungen) lassen sich unter „Inputs“ die Parameter (Periode, Glättungstyp) sowie unter „Style“ Farbe und Darstellung anpassen.
Average True Range (ATR)-Indikator – Stärken und Schwächen
Stärken
- Erfasst dank True Range auch Kurslücken und Limit-Moves, nicht nur die reine Hoch-Tief-Spanne.
- Objektive, dynamische Grundlage für volatilitätsangepasste Stopps und Positionsgrößen.
- Universell auf alle Märkte und Zeitrahmen anwendbar.
- Einfaches, robustes Konzept, das sich seit 1978 bewährt hat.
Schwächen
- Liefert keinerlei Richtungsaussage – allein nicht handelbar.
- Wird in absoluten Kurseinheiten ausgegeben, wodurch Werte verschiedener Basiswerte nicht direkt vergleichbar sind (Abhilfe: ATRP).
- Nachlaufend, da er auf geglätteten historischen Daten beruht.
- Empfindlich gegenüber Ausreißern und Startpunkt der Berechnung.
ATR-Indikator im Optionshandel
Auch im Optionshandel kann der Average True Range (ATR) nützlich sein. Dabei sollte jedoch klar unterschieden werden: Der ATR misst die tatsächlich beobachtete Schwankungsbreite des Basiswerts, während Optionspreise vor allem von den sogenannten Optionsgriechen beeinflusst werden. Der ATR ersetzt daher keine Optionsbewertung, kann aber als zusätzlicher Kontext für die erwartete Kursschwankung des Basiswerts dienen.
ATR zur Einschätzung der erwartbaren Kursschwankung
Optionshändler können den ATR nutzen, um einzuschätzen, wie stark der Basiswert sich zuletzt typischerweise pro Periode geschwankt hat. Liegt der ATR einer Aktie beispielsweise bei 3 EUR, dann schwankte die Aktie im betrachteten Zeitraum im Durchschnitt um etwa 3 EUR pro Periode. Diese Information kann dabei helfen, realistischere Erwartungen hinsichtlich kurzfristiger Kursbewegungen zu entwickeln.
- Bei Long Calls oder Long Puts: Der ATR kann helfen einzuschätzen, ob die erwartete Bewegung groß genug ist, um Prämie und Zeitwertverlust zu rechtfertigen.
- Bei Credit Spreads: Der ATR kann als zusätzlicher Anhaltspunkt dienen, wie weit ein Strike außerhalb der normalen Schwankungsbreite liegt.
- Bei Iron Condors: Ein niedriger oder fallender ATR kann auf eine ruhigere Marktphase hindeuten, vor allem im Zusammenhang mit der impliziten Volatilität.
- Bei Earnings-Strategien: Ein ATR-Vergleich kann zeigen, ob die Aktie zuletzt deutlich stärker oder schwächer schwankte als üblich. Vor Quartalszahlen ist jedoch die implizite Volatilität meist wichtiger.
ATR im Vergleich zur impliziten Volatilität
Besonders interessant wird der ATR im Optionshandel, wenn er mit der impliziten Volatilität verglichen wird. Der ATR zeigt, wie stark sich der Basiswert tatsächlich bewegt hat. Die implizite Volatilität zeigt, welche Schwankung der Optionsmarkt erwartet. Weichen beide stark voneinander ab, kann das ein Hinweis auf eine veränderte Marktphase sein.
- Hoher ATR und hohe implizite Volatilität: Der Markt schwankt bereits stark und Optionen können entsprechend teuer sein.
- Niedriger ATR und hohe implizite Volatilität: Der Optionsmarkt preist größere Bewegungen ein, obwohl die jüngste tatsächliche Schwankung noch niedrig ist.
- Hoher ATR und niedrige implizite Volatilität: Die tatsächliche Bewegung war hoch, während Optionen vergleichsweise geringe künftige Schwankungen einpreisen können.
- Niedriger ATR und niedrige implizite Volatilität: Der Markt befindet sich häufig in einer ruhigeren Phase, was für bestimmte Stillhalter-Strategien interessant sein kann.
ATR und Strike-Auswahl
Der ATR kann bei der Auswahl von Strike-Preisen helfen, indem er die üblichen Schwankungsbereiche aufzeigt. Ein Optionshändler könnte beispielsweise prüfen, ob ein geplanter Strike innerhalb oder außerhalb einer mehrfachen ATR-Spanne liegt.
Mögliche Kombinationen mit anderen Indikatoren
Der ATR entfaltet seine Stärke besonders in Kombination mit anderen Werkzeugen der technischen Analyse:
- Gleitende Durchschnitte (Moving Averages): liefern die Trendrichtung, die dem ATR fehlt. Der ATR steuert dann Stopp-Abstand und Positionsgröße innerhalb dieses Trends.
- Chandelier Exit: setzt den Trailing-Stop direkt als Vielfaches des ATR (typisch 3 × ATR) unterhalb des höchsten Hochs – ein klassischer, volatilitätsbasierter Ausstieg für Trendfolge.
- Bollinger Bänder: als zweiter Volatilitätsmaßstab. Weiten sich die Bänder und steigt zugleich der ATR, bestätigt das einen kraftvollen Ausbruch.
- Relative Strength Index (RSI): ergänzt den ATR um eine Momentum-Perspektive und filtert überkaufte/überverkaufte Zonen für Ein- und Ausstiege.
- Price Action / Kerzenmuster: Ausbrüche aus Konsolidierungen oder Umkehrformationen gewinnen an Aussagekraft, wenn sie von einem ATR-Anstieg begleitet werden.
- Support/Resistance: der ATR hilft, Stopps außerhalb des normalen „Rauschens“ hinter relevanten Preiszonen zu platzieren, statt zu eng am Markt.
Hintergrund und Geschichte des ATR-Indikators
- 1978: J. Welles Wilder Jr. stellt den Average True Range in seinem Buch „New Concepts in Technical Trading Systems“ vor – ursprünglich für die volatilen, gap- und limit-anfälligen Rohstoffmärkte konzipiert.
- Dasselbe Werk: enthält weitere bis heute prägende Wilder-Indikatoren wie RSI, Parabolic SAR und das Directional-Movement-Konzept (ADX).
- Spätere Jahrzehnte: breite Adaption über Aktien, Forex und Krypto hinweg, unter anderem als Fundament für Ableitungen wie den Chandelier Exit (Chuck Le Beau) und moderne volatilitätsbasierte Positionsgrößen-Modelle.
Fazit zu Average True Range (ATR)
Der Average True Range ist einer der praktischsten Volatilitätsindikatoren der technischen Analyse. Er trifft keine Richtungsaussage, liefert aber die objektive Grundlage, um Stopps, Positionsgrößen und Erwartungen an die tatsächliche Marktbewegung anzupassen. Als alleiniges Handelssignal ungeeignet, wird er in Kombination mit Trend- und Momentum-Indikatoren zu einem zentralen Baustein eines soliden Risikomanagements. Wer die Ursprünge vertiefen möchte, findet die maßgebliche Quelle in J. Welles Wilders „New Concepts in Technical Trading Systems“ (1978).
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