Balance of Power (BOP) Indikator – Erklärung, Berechnung & Beispiel
Der Balance of Power (BOP) ist ein preisbasierter Oszillator, der das Kräfteverhältnis zwischen Käufern und Verkäufern einer einzelnen Kerze misst. Er stellt dar, welche Marktseite den Kurs vom Eröffnungs- zum Schlusskurs stärker in ihre Richtung schiebt. Für den Händler liefert das eine kompakte Einschätzung, ob Bullen oder Bären die aktuelle Bewegung dominieren.
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Balance of Power im Überblick
| Indikator-Steckbrief: Balance of Power | |
|---|---|
| Kategorie | Momentum |
| Darstellung | Oszillator in separatem Panel, in TradingView standardmäßig als Linie um die Nulllinie, je nach Plattform auch als Histogramm |
| Standardparameter | Roh-BOP ohne Parameter; optionale Glättung per gleitendem Durchschnitt (empfohlen: 14 Perioden im Tageschart) |
| Wertebereich | -1 bis +1, mit der Nulllinie als Mittelpunkt |
| Typische Zeitrahmen | Universell – von Intraday über Daily bis Weekly |
| Märkte | Aktien, Indizes, Forex, Futures, Kryptowährungen |
| Entwickelt von | Igor Livshin, veröffentlicht 2001 |
Balance-of-Power-Signale und Interpretation
Der BOP oszilliert um eine Nulllinie: Positive Werte signalisieren die Übermacht der Käufer, negative die der Verkäufer. Die zentralen Signale ergeben sich aus der Lage zur Nulllinie, der Richtung des Indikators sowie aus Divergenzen zum Kurs.
Kaufsignal
Kreuzt der BOP die Nulllinie von unten nach oben, übernehmen die Bullen die Kontrolle. Ein steigender BOP oberhalb der Null bestätigt einen zunehmend aufwärtsgerichteten Kursdruck.
Verkaufssignal
Fällt der BOP unter die Nulllinie, gewinnen die Bären die Oberhand. Ein fallender Verlauf unterhalb der Null deutet auf nachlassende Kaufkraft und einen abwärtsgerichteten Trend hin.
Neutraler Bereich
Notiert der BOP dicht an der Nulllinie oder wechselt er häufig das Vorzeichen, halten sich Käufer und Verkäufer die Waage. In solchen Phasen fehlt eine klare Richtung – hier empfiehlt sich das Abwarten einer Bestätigung.
Divergenzen: regulär und versteckt
Eine Divergenz entsteht, wenn sich markante Hochs oder Tiefs des Kurses und des BOP unterschiedlich entwickeln. Dabei wird zwischen regulären Divergenzen als möglichen Umkehrhinweisen und versteckten Divergenzen als möglichen Fortsetzungshinweisen unterschieden.
Reguläre Divergenzen
- Regulär bullisch: Der Kurs bildet ein tieferes Tief, während der BOP ein höheres Tief erreicht. Der nachlassende negative Kursdruck kann auf eine mögliche Aufwärtsumkehr hindeuten.
- Regulär bärisch: Der Kurs bildet ein höheres Hoch, während der BOP ein tieferes Hoch erreicht. Die schwächere Bestätigung durch den Indikator kann vor einer möglichen Abwärtsumkehr warnen.
Versteckte Divergenzen
- Versteckt bullisch: In einem bestehenden Aufwärtstrend bildet der Kurs ein höheres Tief, während der BOP ein tieferes Tief erreicht. Dies kann darauf hindeuten, dass der übergeordnete Aufwärtstrend nach der Korrektur fortbesteht.
- Versteckt bärisch: In einem bestehenden Abwärtstrend bildet der Kurs ein tieferes Hoch, während der BOP ein höheres Hoch erreicht. Dies kann für eine Fortsetzung des übergeordneten Abwärtstrends sprechen.
Berechnung des Balance-of-Power-Indikators
Ausgangspunkt für die Berechnung des Balance of Power sind die vier Kursdaten jeder einzelnen Periode: Eröffnung (Open), Hoch (High), Tief (Low) und Schluss (Close).
Livshins Originalmethode bewertet für jede Kerze das Käufer- und das Verkäuferlager anhand von drei Teilbewertungen – bezogen auf Eröffnung, Schluss sowie die Open-Close-Spanne. Diese Rohwerte werden anschließend über einen gleitenden Durchschnitt geglättet, da der reine BOP sehr sprunghaft verläuft.
Schritt 1 – Bullen-Reward (Summe der drei Teilbewertungen):
Schritt 2 – Bären-Reward (Summe der drei Teilbewertungen):
Schritt 3 – Roher BOP-Wert:
Schritt 4 – Glättung mit gleitendem Durchschnitt:
Rechenbeispiel: BOP einer einzelnen Kerze
Angenommen, eine Tageskerze besitzt die folgenden Kursdaten:
- Eröffnung: 100 Punkte
- Hoch: 106 Punkte
- Tief: 98 Punkte
- Schluss: 104 Punkte
Der positive Kerzenkörper beträgt 4 Punkte, die gesamte Handelsspanne 8 Punkte. Daraus ergibt sich:
Ein BOP von +0,50 bedeutet, dass die Aufwärtsbewegung vom Open zum Close 50 Prozent der vollständigen High-Low-Spanne dieser Kerze umfasst.
- BOP = +1: Die Kerze eröffnet am Tief und schließt am Hoch.
- BOP = 0: Eröffnungs- und Schlusskurs sind gleich. Die Länge der oberen und unteren Schatten ändert daran nichts.
- BOP = −1: Die Kerze eröffnet am Hoch und schließt am Tief.
Wird der BOP über 14 Perioden geglättet, entspricht der angezeigte Wert nicht mehr ausschließlich dieser einzelnen Kerze. Er ergibt sich dann aus dem Durchschnitt der letzten 14 Rohwerte.
Anmerkung: Der BOP misst keine tatsächliche Anzahl von Käufern, Verkäufern oder ausgeführten Orders. Er leitet den relativen Kursdruck ausschließlich aus den OHLC-Daten der Kerze ab. Außerdem bezieht sich der Zähler auf die Bewegung vom aktuellen Open zum aktuellen Close – nicht auf die Veränderung gegenüber dem vorherigen Schlusskurs.
Nach einem Aufwärtsgap kann der BOP daher negativ sein, wenn der Kurs zwar oberhalb des Vortagesschlusses, aber unterhalb des aktuellen Eröffnungskurses schließt. Werte nahe +1 oder −1 kennzeichnen einen großen Kerzenkörper relativ zur Handelsspanne.
Typische Balance-of-Power-Einstellungen
Der rohe BOP selbst besitzt keinen Parameter – er wird je Kerze aus den OHLC-Daten gebildet. Entscheidend ist die Glättung: Livshin empfiehlt für den Tageschart einen 14-Perioden-Durchschnitt. Eine kürzere Periode macht den Indikator reaktionsschneller, aber unruhiger; eine längere glättet stärker, verzögert die Signale jedoch. Die passende Länge hängt vom Zeitrahmen und der Volatilität des jeweiligen Basiswerts ab.
Balance of Power in mehreren Zeitrahmen nutzen
Ein BOP-Signal kann je nach betrachteter Zeitebene unterschiedlich wirken. Ein kurzfristiger negativer Wert kann beispielsweise lediglich eine Korrektur innerhalb eines längerfristigen Aufwärtstrends darstellen. Die Betrachtung mehrerer Zeitrahmen hilft, solche Bewegungen einzuordnen.
- Übergeordneter Zeitrahmen: Ein Tages- oder Wochenchart dient dazu, die vorherrschende Richtung zu bestimmen. Überwiegend positive und steigende BOP-Werte sprechen für einen bullischen Kontext; überwiegend negative und fallende Werte für einen bärischen Kontext.
- Signalzeitrahmen: Ein niedrigerer Zeitrahmen kann anschließend für die genauere Beobachtung von Nulllinien-Wechseln, Divergenzen oder Bestätigungen an Unterstützungen und Widerständen verwendet werden.
- Übereinstimmung: Zeigen beide Zeitebenen in dieselbe Richtung, bestätigt der niedrigere Zeitrahmen den übergeordneten Kontext.
- Widerspruch: Stehen die Zeitebenen gegeneinander, liegt kein eindeutiges Signal vor. Der kurzfristige Ausschlag kann eine Korrektur, eine Seitwärtsphase oder den Beginn eines späteren Trendwechsels darstellen.
Beispiel: Balance-of-Power-Indikator im Chart
Der folgende Tageschart zeigt den S&P-500-Index (Cash) mit dem Balance of Power in einem separaten Panel. Gut erkennbar sind die Nulllinien-Durchkreuzungen an Trendwechseln sowie das Anhalten positiver Werte während ausgeprägter Aufwärtsphasen.
Balance-of-Power-Indikator in TradingView erstellen
Der Balance of Power gehört in TradingView zu den fest integrierten Standard-Indikatoren und lässt sich in wenigen Schritten auf jedem Chart aktivieren:
- Schritt 1: Den gewünschten Basiswert öffnen (z.B. SPX).
- Schritt 2: In der oberen Toolbar auf „Indikatoren“ (Indicators) klicken, um die Indikator-Suche zu öffnen.
- Schritt 3: Im Suchfeld „Balance of Power“ bzw. „BOP“ eingeben und den Treffer aus der Kategorie der eingebauten Indikatoren (Technicals) auswählen.
- Schritt 4: Mit einem Klick wird der Balance of Power in einem separaten Panel unterhalb des Kurscharts hinzugefügt.
- Schritt 5: Über das Zahnrad-Symbol lassen sich unter „Style“ Farbe und Darstellung anpassen. Soll ein gleitender Durchschnitt den BOP selbst glätten, kann er über „Indikator/Strategie hinzufügen …“ auf den BOP angewendet werden. Alternativ ist in den Eingaben des gleitenden Durchschnitts der BOP-Plot ausdrücklich als Quelle auszuwählen.
Balance-of-Power-Indikator – Stärken und Schwächen
Stärken
- Einfache, transparente Berechnung direkt aus den OHLC-Daten jeder Kerze
- Reagiert im Rohzustand unmittelbar, ohne Verzögerung durch lange Rückrechnungsperioden
- Universell über Märkte und Zeitrahmen einsetzbar
- Klar interpretierbare Bullen-/Bären-Aussage über das Vorzeichen
- Gut geeignet für die Divergenzanalyse zum Kurs
Schwächen
- Ungeglättet sehr sprunghaft – erzeugt zahlreiche Fehlsignale
- Liefert keine Aussage über konkrete Kursziele
- In Seitwärtsphasen häufige Nulllinien-Durchkreuzungen (Whipsaws)
- Ergebnis und Signalgüte hängen stark von der gewählten Glättung ab
- Berücksichtigt ausschließlich Kursdaten, nicht das Volumen
Mögliche Kombinationen mit anderen Indikatoren
Der Balance of Power entfaltet seine Stärke besonders in Kombination mit anderen Indikatoren und Analysetechniken:
- Gleitende Durchschnitte (Moving Averages): Ordnen die BOP-Signale in den übergeordneten Trend ein und filtern Gegenbewegungen heraus.
- Relative Strength Index (RSI): Bestätigt überkaufte oder überverkaufte Situationen und ergänzt den BOP um eine Momentum-Perspektive.
- On-Balance-Volume (OBV): Prüft, ob der vom BOP angezeigte Kräftevorsprung durch entsprechendes Handelsvolumen gedeckt ist.
- Price Action / Kerzenmuster: Umkehr- und Fortsetzungsformationen liefern eine visuelle Bestätigung der BOP-Signale.
- Support/Resistance: Ein Nulllinien-Wechsel an einer wichtigen Preiszone besitzt deutlich höhere Aussagekraft.
Hintergrund und Geschichte des Balance-of-Power-Indikators
- 2001: Igor Livshin stellt den Indikator in der August-Ausgabe des Magazins Technical Analysis of Stocks & Commodities (Vol. 19:8) zunächst unter dem Titel „Balance of Power“ vor. Nach einem Hinweis auf bestehende Markenrechte kündigt die Redaktion im Oktober 2001 an, Livshins Methode künftig als „Balance of Market Power“ (BMP) zu bezeichnen.
- Konzept: Livshin wollte erreichen, dass der Indikator auch nahe seinen Extremwerten empfindlich auf Veränderungen reagiert. Mathematisch bleibt der rohe BOP bei einer Handelsspanne größer als null dennoch auf Werte zwischen −1 und +1 begrenzt.
- Verbreitung: TradingView und StockCharts führen den BOP als verfügbaren Indikator. Für MetaStock dokumentiert der Hersteller dagegen die Anlage als benutzerdefinierte Formel im Indicator Builder.
Fazit zu Balance of Power
Der Balance of Power stellt das Kräfteverhältnis zwischen Käufern und Verkäufern anschaulich über eine einzige, leicht nachvollziehbare Kennzahl dar. Seine Stärke liegt in der unmittelbaren Reaktion und der klaren Bullen-/Bären-Aussage. Seine Schwäche im sprunghaften Rohverlauf.
In geglätteter Form und in Kombination mit Trend- sowie Momentum-Indikatoren eignet er sich gut als bestätigendes Element im Handelssystem. Vertiefende Informationen bietet Igor Livshins Originalartikel „Balance Of Power“ in Technical Analysis of Stocks & Commodities (Vol. 19:8, August 2001).
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