Mass Index Indikator – Erklärung, Berechnung & Beispiel

Autor: Philipp Berger

Der Mass Index ist ein nicht-direktionaler, spannenbasierter Volatilitätsindikator, der Veränderungen der Handelsspanne zwischen Hoch- und Tiefkurs auswertet. Sein bekanntestes Muster, der sogenannte „Reversal Bulge”, soll auf eine mögliche Trendwende aufmerksam machen. Die Richtung der Trendwende gibt er jedoch nicht selbst vor. Der Indikator ist damit vor allem als Warn- und Analysewerkzeug zu verstehen.

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Mass Index im Überblick

Indikator-Steckbrief: Mass Index
Kategorie Volatilität
Darstellung Oszillator (separates Panel unterhalb des Kurscharts)
Standardparameter EMA-Periode: 9, Summationsperiode: 25 (Standardeinstellung bei Tradingview: 10)
Wertebereich Bei der klassischen 9/25-Konfiguration typischerweise um 25
Typische Zeitrahmen Ursprünglich auf Tagesdaten beschrieben, grundsätzlich auf jedem Zeitrahmen einsetzbar
Märkte Auf Instrumente mit geeigneten High-/Low-Daten anwendbar, z. B. Aktien, Indizes, Forex, Futures oder Kryptowährungen
Entwickelt von Donald Dorsey (1992)

Mass Index – Signale und Interpretation

Das Kernsignal des Mass Index der sogenannte „Reversal Bulge“. Nach Dorseys ursprünglicher Definition ist dieser abgeschlossen, wenn der Mass Index bei einer 25-Perioden-Berechnung zunächst über 27 steigt und anschließend wieder unter 26,5 fällt.

Das Muster weist auf eine mögliche Trendwende hin, gibt deren Richtung jedoch nicht vor. Diese muss aus dem bestehenden Trend oder aus zusätzlichen Analyseverfahren abgeleitet werden.

S&P-500-Chart mit Mass Index sowie den Schwellen 27 und 26,5 zur Erklärung des Reversal Bulge
Aufbau des Reversal Bulge beim Mass Index: Nach einem Anstieg über 27 muss der Indikator wieder unter 26,5 fallen. Erst dann ist das Muster nach Dorseys klassischer Definition abgeschlossen. Die mögliche Richtung der Trendwende ergibt sich aus dem bestehenden Kursverlauf.

Hinweis: Die horizontalen Linien bei 27 und 26,5 wurden zur besseren Veranschaulichung des Reversal Bulge manuell eingezeichnet und sind nicht Bestandteil der dargestellten TradingView-Einstellungen.

Bullische Interpretation

Tritt beim Mass Index ein abgeschlossener Reversal Bulge während eines bestehenden Abwärtstrends auf, lässt sich dieses Muster klassischerweise als Hinweis auf eine mögliche bullische Trendwende interpretieren.

S&P-500-Chart mit abgeschlossenem Mass-Index-Reversal-Bulge über 27 und anschließend unter 26,5 als möglicher Hinweis auf eine bullische Trendwende
Bullische Interpretation des Mass Index: Ein Anstieg über 27 mit anschließendem Rückfall unter 26,5 bildet einen abgeschlossenen Reversal Bulge. Tritt dieser innerhalb eines Abwärtstrends auf, kann er auf eine mögliche Trendwende nach oben hindeuten.

Bärische Interpretation

Tritt ein abgeschlossener Reversal Bulge während eines bestehenden Aufwärtstrends auf, lässt sich das Muster entsprechend als Hinweis auf eine mögliche bärische Trendwende interpretieren. Auch in diesem Fall liefert der Mass Index kein konkretes Handelssignal.

S&P-500-Chart mit abgeschlossenem Mass-Index-Reversal-Bulge über 27 und anschließend unter 26,5 als möglicher Hinweis auf eine bärische Trendwende
Bärische Interpretation des Mass Index: Steigt der Indikator zunächst über 27 und fällt anschließend unter 26,5, ist der Reversal Bulge abgeschlossen. In einem bestehenden Aufwärtstrend kann dies auf eine mögliche Trendwende nach unten hindeuten.

Neutraler Bereich

Solange kein vollständiger Reversal Bulge vorliegt, liefert der Mass Index nach der klassischen 27/26,5-Regel kein Umkehrsignal. Die 27er-Marke wird bei manchen Basiswerten allerdings nur selten erreicht. Deshalb können historische Hoch- und Tiefstände des Mass Index für den jeweiligen Basiswert als zusätzliche Orientierung dienen.

S&P-500-Chart mit Mass Index im neutralen Bereich unterhalb der Schwelle von 27 ohne vollständigen Reversal Bulge
Mass Index im neutralen Bereich: Solange der Indikator keinen vollständigen Reversal Bulge ausbildet, liegt nach der klassischen 27/26,5-Regel kein Umkehrsignal vor.

Hinweis: Zusätzliche, möglichst unabhängige Analyseverfahren wie Trendindikatoren oder Price Action können bei der Einordnung von Richtung und Timing helfen.

Berechnung des Mass Index-Indikators

Ausgangspunkt für die Berechnung des Mass index ist die Handelsspanne jeder Periode, also die Differenz zwischen Höchst- (High) und Tiefstkurs (Low). Diese Spanne wird zweimal geglättet mit einem Exponential Moving Average (EMA). Anschließend wird das Verhältnis der beiden geglätteten Reihen gebildet und über mehrere Perioden aufsummiert:

  • Weitet sich die geglättete High-Low-Spanne relativ zu ihrer zweiten Glättung aus, tendiert der EMA-Quotient und damit der Mass Index nach oben.
  • Verengt sich die geglättete Spanne relativ wieder, tendiert der Quotient nach unten. Der Wechsel von relativer Spannenweitung zu anschließender Verengung bildet die Grundlage des Reversal-Bulge-Konzepts.

Schritt 1 – Erster EMA (9-Perioden-EMA der High-Low-Spanne):

\text{EMA}_{1,t} = \text{EMA}_9(\text{High}_t - \text{Low}_t)
\text{EMA}_t = \left(\text{Wert}_t - \text{EMA}_{t-1}\right) \times \frac{2}{n+1} + \text{EMA}_{t-1}

Schritt 2 – Zweiter EMA (erneuter 9-Perioden-EMA des ersten EMA):

\text{EMA}_{2,t} = \text{EMA}_9\left(\text{EMA}_{1,t}\right)

Schritt 3 – EMA-Ratio (Verhältnis beider Durchschnitte):

\text{Ratio}_t = \dfrac{\text{EMA}_{1,t}}{\text{EMA}_{2,t}}

Schritt 4 – Mass Index (25-Perioden-Summe der Ratio):

\text{Mass Index}_t = \sum_{j=0}^{24} \dfrac{\text{EMA}_{1,t-j}}{\text{EMA}_{2,t-j}}

Rechenbeispiel: So entsteht ein Reversal Bulge

Ein vereinfachtes Beispiel zeigt die Funktionsweise der rollierenden 25-Perioden-Summe:

Zeitpunkt Mass Index Interpretation
Tag t 27,20 Der Mass Index steigt über 27. Das Setup für einen möglichen Reversal Bulge ist vorhanden, aber noch nicht abgeschlossen.
Tag t+1 26,80 Der Mass Index fällt wieder, befindet sich aber noch oberhalb der Trigger-Schwelle von 26,5.
Tag t+2 26,40 Der Mass Index fällt unter 26,5. Damit ist der klassische Reversal Bulge vollständig ausgebildet.

Da der Mass Index als rollierende Summe berechnet wird, fällt mit jeder neuen Periode gleichzeitig die älteste EMA-Ratio aus dem Berechnungsfenster heraus. Angenommen, der Mass Index liegt zunächst bei 27,20. Verlässt am folgenden Tag eine ältere Ratio von 1,25 das Fenster und kommt eine neue Ratio von 0,85 hinzu, ergibt sich:

27{,}20 - 1{,}25 + 0{,}85 = 26{,}80

Entfällt anschließend eine weitere ältere Ratio von 1,15 und wird eine neue Ratio von 0,75 aufgenommen, beträgt der neue Wert:

26{,}80 - 1{,}15 + 0{,}75 = 26{,}40

Damit wurde zunächst die Setup-Schwelle von 27 überschritten und anschließend die Trigger-Schwelle von 26,5 unterschritten. Erst der zweite Schritt schließt den klassischen Reversal Bulge ab.

Hinweis: Da die erste und zweite EMA häufig relativ nah beieinander liegen, bewegt sich ihr Verhältnis oft um den Wert 1. Bei der klassischen 25-Perioden-Summe liegt der Mass Index deshalb typischerweise im Bereich um 25.

Typische Mass Index-Einstellungen

Die klassische Mass-Index-Berechnung verwendet eine EMA-Periode von 9 und eine Summationsperiode von 25.

  • Die EMA-Periode beeinflusst, wie schnell die geglättete High-Low-Spanne auf neue Werte reagiert.
  • Die Summationsperiode bestimmt dagegen, wie viele EMA-Ratios in den Mass Index eingehen.

Eine Änderung der Summationsperiode beeinflusst nicht nur die Reaktionsweise der Linie, sondern auch ihr absolutes Niveau. Die klassischen Reversal-Bulge-Schwellen von 27 und 26,5 beziehen sich auf die 25-Perioden-Summe und können bei einer abweichenden Summationsperiode nicht unverändert übernommen werden.

Hinweis: Die Standardeinstellungen dienen als Ausgangspunkt. Je nach Basiswert, Zeitrahmen und persönlichem Handelsstil können individuelle Anpassungen sinnvoll sein.

Beispiel: Mass Index-Indikator im Chart

Der folgende Tageschart zeigt den S&P-500-Index (Cash) mit dem Mass Index in einem separaten Panel. Phasen, in denen der Indikator in Richtung der 27er-Marke steigt, zeigen eine relativ starke Ausweitung der geglätteten Handelsspanne.

Mass Index-Indikator in TradingView erstellen

Der Mass Index gehört in TradingView zu den integrierten Indikatoren und lässt sich direkt auf einem Chart aktivieren:

  • Schritt 1: Den gewünschten Basiswert öffnen (z.B. SPX).
  • Schritt 2: In der oberen Toolbar auf „Indikatoren“ (Indicators) klicken, um die Indikator-Suche zu öffnen.
  • Schritt 3: Im Suchfeld „Mass Index“ eingeben und den eingebauten Indikator auswählen.
  • Schritt 4: Der Mass Index wird in einem separaten Panel unterhalb des Kurscharts dargestellt.
  • Schritt 5: Über das Zahnrad-Symbol lassen sich die in der jeweiligen TradingView-Version verfügbaren Inputs und Darstellungsoptionen prüfen (Default: 10).

Hinweis: Für die klassische Dorsey-Interpretation ist sicherzustellen, dass eine 25-Perioden-Summe verwendet wird. Nur für diese Konfiguration entsprechen horizontale Linien bei 27 und 26,5 den klassischen Reversal-Bulge-Schwellen.

Mass Index-Indikator – Stärken und Schwächen

Stärken

  • Nicht-direktionaler Ansatz auf Basis der High-Low-Handelsspanne
  • Klar definiertes klassisches Muster mit dem Reversal Bulge
  • Berechnung unabhängig davon, ob die Kurse steigen oder fallen
  • Auf unterschiedlichen Instrumenten und Zeiteinheiten mit geeigneten High-/Low-Daten berechenbar

Schwächen

  • Die Richtung einer möglichen Umkehr muss separat bestimmt werden
  • Die klassische 27er-Schwelle wird bei manchen Basiswerten nur selten erreicht, historische Wertebereiche können deutlich variieren
  • Rückwärtsgerichtete Berechnung durch EMA-Glättung und rollierende Summation
  • Die praktische Eignung muss für Basiswert, Zeitrahmen und Handelsregeln separat geprüft werden

Mögliche Kombinationen mit anderen Indikatoren

Der Mass Index entfaltet seine Stärke besonders in Kombination mit anderen Indikatoren der technischen Analyse, da er selbst keine Richtung vorgibt:

  • TRIX (Triple Smoothed Exponential Moving Average): Kann nach einem Reversal Bulge zusätzliche Informationen zur kurzfristigen Trend- oder Momentumrichtung liefern.
  • MACD (Moving Average Convergence/Divergence): Kann als alternative Momentum- und Trendinformation genutzt werden, um den nicht-direktionalen Mass Index zu ergänzen.
  • Gleitende Durchschnitte (Moving Averages): Können helfen, den bestehenden Trend zu definieren und damit einen bullischen oder bärischen Interpretations-Bias für einen Reversal Bulge abzuleiten. Eine klassische Möglichkeit zur Richtungsbestimmung ist ein 9-Perioden-EMA des Kurses:
    • Ist dieser zum Zeitpunkt eines abgeschlossenen Reversal Bulge abwärtsgerichtet, lässt sich daraus ein bullischer Umkehr-Bias ableiten.
    • Zeigt der EMA aufwärts, ergibt sich entsprechend ein bärischer Bias.
  • Price Action / Kerzenmuster: Können zusätzliche Hinweise auf die aktuelle Marktstruktur und das mögliche Timing einer Umkehr liefern.
  • Support/Resistance: Unterstützungs- und Widerstandszonen können als zusätzlicher Kontext dienen, wenn ein Reversal Bulge in ihrer Nähe auftritt.

Hintergrund und Geschichte des Mass Index-Indikators

  • Juni 1992: Donald Dorsey stellt den Mass Index im Fachmagazin „Technical Analysis of Stocks & Commodities“ (Volume 10, Ausgabe 6) vor. Ausgangspunkt ist seine Analyse des wiederholten Ausweitens und Verengens der täglichen Handelsspanne.
  • Juni 1993: Dorsey veröffentlicht im selben Fachmagazin den Relative Volatility Index (RVI), einen eigenständigen weiteren Volatilitätsindikator.
  • Heute: Der Mass Index ist unter anderem in verbreiteten Charting-Angeboten wie TradingView und StockCharts verfügbar.

Fazit zu Mass Index

Der Mass Index ist ein spezialisierter, nicht-direktionaler Volatilitätsindikator auf Basis der High-Low-Handelsspanne. Sein Kernsignal ist der Reversal Bulge: Bei einer 25-Perioden-Berechnung steigt der Mass Index zunächst über 27 und fällt anschließend unter 26,5.

Das Muster soll auf eine mögliche Trendwende aufmerksam machen, legt deren Richtung jedoch nicht fest. Für die Richtungs- und Timinganalyse können deshalb ergänzende Verfahren wie Trendindikatoren, Momentumindikatoren oder Price Action herangezogen werden. 

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