Kaufman’s Adaptive Moving Average (KAMA) Indikator – Erklärung, Berechnung & Beispiel
Der Kaufman’s Adaptive Moving Average (KAMA) ist ein gleitender Durchschnitt, der seine Glättung eigenständig an das Marktumfeld anpasst. In trendstarken Phasen folgt er dem Kurs eng, in richtungslosen Märkten verlangsamt er sich deutlich und verläuft nahezu flach. Das bedeutet für Händler: weniger Fehlsignale bei gleichzeitig geringerer Verzögerung, wenn ein Trend tatsächlich einsetzt.
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KAMA im Überblick
| Indikator-Steckbrief: Kaufman’s Adaptive Moving Average (KAMA) | |
|---|---|
| Kategorie | Trend |
| Darstellung | Direkt auf dem Preischart (Overlay) |
| Standardparameter | KAMA(10, 2, 30) – Periode der Efficiency Ratio: 10, schnelle EMA-Periode: 2, langsame EMA-Periode: 30 |
| Wertebereich | Unbegrenzt – der KAMA wird in Kurseinheiten des Basiswerts dargestellt (die interne Efficiency Ratio liegt zwischen 0 und 1) |
| Typische Zeitrahmen | Daily und Weekly; im Intraday-Handel (15 Min – 4 Std) ebenfalls verbreitet |
| Märkte | Aktien, Indizes, Forex, Futures, Kryptowährungen – universell einsetzbar |
| Entwickelt von | Perry J. Kaufman, erstmals vorgestellt in seinem Buch „Smarter Trading“ (1995) |
KAMA-Signale und Interpretation
Der KAMA liefert Signale über die Lage des Kurses zur Indikatorlinie sowie über deren Richtung und Steigung. Diese hängt sowohl von der adaptiven Glättungskonstante als auch vom Abstand zwischen dem aktuellen Kurs und dem vorherigen KAMA-Wert ab.
Kaufsignal
Der Kurs kreuzt den KAMA von unten nach oben, während die Indikatorlinie zu steigen beginnt. Häufig genutzt wird auch der Übergang von einer flachen in eine aufwärts gerichtete KAMA-Linie. Dieser zeigt, dass der aktuelle Kurs oberhalb des vorherigen KAMA liegt und die Linie nach oben zieht.
Verkaufssignal
Der Kurs fällt unter den KAMA und die Linie dreht nach unten. Ebenso gilt das Abkippen einer zuvor steigenden KAMA-Linie als Warnsignal für eine nachlassende Aufwärtsbewegung oder einen möglichen Trendwechsel. Ein eigenständiges Momentum-Signal liefert die KAMA-Steigung dabei nicht.
Neutraler Bereich
Verläuft der KAMA über längere Zeit waagerecht und pendelt der Kurs um die Linie, befindet sich der Markt in einer Seitwärtsphase. Kreuzungen sind hier wenig belastbar. Positionen sollten erst nach einer Bestätigung durch einen erneut ansteigenden bzw. fallenden KAMA eingegangen werden.
Dynamische Unterstützung und Widerstand
In etablierten Trends dient der KAMA als nachlaufende Preiszone: Im Aufwärtstrend fungiert er als Unterstützung, im Abwärtstrend als Widerstand. Rücksetzer an die Linie werden häufig als Einstiegspunkte in Trendrichtung genutzt.
Berechnung des KAMA-Indikators
Die Berechnung des KAMA-Indikators erfolgt in mehreren Schritten. Ausgangspunkt sind die Schlusskurse (Close) aufeinanderfolgender Perioden. Zunächst wird gemessen, wie „effizient“ sich der Kurs bewegt hat – also welcher Anteil der zurückgelegten Gesamtstrecke tatsächlich in eine Richtung führte:
- Bewegt sich der Kurs geradlinig in eine Richtung, nähert sich die Efficiency Ratio (ER) dem Wert 1 – der Indikator reagiert schnell.
- Pendelt der Kurs ohne Nettoveränderung, geht die ER gegen 0 – die Glättung über die gewählte Periode (Standard: 10) wird stark verlangsamt.
Schritt 1 – Efficiency Ratio (Richtung im Verhältnis zur Volatilität):
Schritt 2 – EMA-Perioden und daraus abgeleitete Grenzwerte der Glättung:
Schritt 3 – Adaptive Glättungskonstante:
Schritt 4 – Finaler Indikatorwert:
Rechenbeispiel: KAMA(10, 2, 30)
Die Schreibweise KAMA(10, 2, 30) bezeichnet eine ER-Periode von 10 sowie eine schnelle und eine langsame Steuerperiode von 2 und 30. Aus den beiden Steuerperioden werden die Grenzwerte der adaptiven Glättung abgeleitet. Es werden dabei nicht zusätzlich ein EMA(2) und ein EMA(30) in den Chart eingezeichnet.
Das folgende vereinfachte Beispiel zeigt die vollständige Berechnung eines neuen KAMA-Werts. Für eine Efficiency-Ratio-Periode von 10 werden elf aufeinanderfolgende Schlusskurse benötigt, da die Volatilität aus zehn einzelnen Kursveränderungen besteht:
| Periode | Schlusskurs | Absolute Veränderung |
|---|---|---|
| 0 | 100 | – |
| 1 | 102 | 2 |
| 2 | 101 | 1 |
| 3 | 103 | 2 |
| 4 | 102 | 1 |
| 5 | 104 | 2 |
| 6 | 103 | 1 |
| 7 | 105 | 2 |
| 8 | 104 | 1 |
| 9 | 106 | 2 |
| 10 | 108 | 2 |
1. Startwert bestimmen
Für dieses Beispiel wird – entsprechend der bei StockCharts dokumentierten Initialisierung – der einfache Durchschnitt der ersten zehn Schlusskurse als Startwert verwendet:
2. Efficiency Ratio berechnen
Die Nettoveränderung zwischen dem aktuellen Kurs und dem Kurs vor zehn Perioden beträgt 8 Punkte. Die Summe aller absoluten Einzelbewegungen beträgt 16 Punkte:
Der Kurs hat damit die Hälfte seiner gesamten zurückgelegten Strecke als gerichtete Nettoveränderung behalten. Die andere Hälfte entfällt auf zwischenzeitliche Gegenbewegungen.
3. Adaptive Glättungskonstante berechnen
Aus den schnellen und langsamen EMA-Perioden ergeben sich zunächst die beiden Grenzwerte. Die Quadrierung der Glättungskonstante ist entscheidend: Sie dämpft niedrige Efficiency-Ratio-Werte überproportional und reduziert dadurch die Reaktionsgeschwindigkeit in ineffizienten Kursphasen:
Mit einer Efficiency Ratio von 0,5 beträgt die adaptive Glättungskonstante:
4. Neuen KAMA-Wert berechnen
Der neue KAMA bewegt sich um rund 13,37 Prozent der Differenz zwischen dem aktuellen Schlusskurs und dem vorherigen KAMA-Wert:
Der Schlusskurs liegt bei 108, der neue KAMA jedoch erst bei rund 103,67. Der Indikator folgt der Aufwärtsbewegung, übernimmt wegen der nur mittleren Efficiency Ratio aber nicht die gesamte Kursveränderung. Bei einer höheren ER würde er sich stärker, bei einer niedrigeren ER schwächer an den aktuellen Kurs annähern.
Typische KAMA-Einstellungen
Perry Kaufman empfiehlt die Standardkombination KAMA(10, 2, 30).
Der erste Parameter steuert die Periode der Efficiency Ratio:
- Ein kleinerer Wert (z. B. 5) lässt den Indikator zwar schneller auf Kursänderungen reagieren, macht ihn aber auch anfälliger für Fehleinschätzungen.
- Eine längere Periode (z.B. 20) glättet die Rauschmessung und eignet sich für übergeordnete Trendanalysen.
Die schnelle und die langsame EMA-Periode bestimmen die Bandbreite, innerhalb derer die adaptive Glättung arbeitet. Aus beiden Perioden werden zunächst die zugehörigen EMA-Glättungskonstanten berechnet.
- Eine kurze schnelle EMA-Periode (z.B. 2) ermöglicht eine rasche Reaktion in effizienten Kursbewegungen.
- Eine längere langsame EMA-Periode (z.B. 30 statt 20) verlangsamt den Indikator bei niedriger Efficiency Ratio zusätzlich und filtert mehr kurzfristige Richtungswechsel heraus – auf Kosten einer trägeren Reaktion an Wendepunkten.
Für kurzfristige Intraday-Ansätze werden die Perioden häufig verkürzt, für den Positionshandel im Wochenchart eher verlängert.
Beispiel: KAMA-Indikator im Chart
Der folgende Chart zeigt den S&P-500-Index mit dem KAMA (10, 2, 30) direkt auf dem Kursverlauf. Gut erkennbar ist das adaptive Verhalten: In ausgeprägten Trendphasen folgt die Linie dem Index eng und dient als dynamische Unterstützung, während sie in Konsolidierungen abflacht und der Kurs mehrfach um sie herum pendelt, ohne dass ein belastbares Signal entsteht. Die Periodenlänge lässt sich über die Einstellungen des KAMA-Indikators anpassen.
KAMA-Indikator in TradingView erstellen
Der KAMA lässt sich in TradingView in wenigen Schritten auf jedem Chart aktivieren:
- Schritt 1: Den gewünschten Basiswert öffnen (z.B. SPX).
- Schritt 2: In der oberen Toolbar auf „Indikatoren“ (Indicators) klicken, um die Indikator-Suche zu öffnen.
- Schritt 3: Im Suchfeld „KAMA“ bzw. „Kaufman“ eingeben. TradingView listet sowohl adaptive Moving-Average-Varianten aus dem Standardumfang als auch zahlreiche Community-Skripte – bei letzteren lohnt ein Blick auf den offengelegten Quellcode.
- Schritt 4: Mit einem Klick wird der KAMA als Overlay direkt auf dem Kurschart hinzugefügt.
- Schritt 5: Über das Zahnrad-Symbol lassen sich unter „Inputs“ die Datenquelle („Source“), die Periode der Efficiency Ratio („ER length“) sowie die schnelle und die langsame EMA-Periode („Fast length“ und „Slow length“) einstellen.
- Optional: Zusätzlich kann der KAMA auf einem abweichenden Berechnungszeitrahmen dargestellt werden. Die Option „Wait for timeframe closes“ legt fest, ob Werte dieses übergeordneten Zeitrahmens erst nach Abschluss der jeweiligen Kerze übernommen werden. Unter „Style“ lassen sich Farbe, Darstellung und Linienstärke anpassen.
KAMA-Signale filtern und systematisieren
Auch der adaptive Aufbau des KAMA verhindert Fehlsignale nicht vollständig. Besonders in unruhigen Seitwärtsphasen kann der Kurs die Linie mehrfach in kurzer Folge kreuzen. Statt jede Überschneidung unmittelbar als Signal zu behandeln, lassen sich Preis- und Zeitfilter einsetzen.
Preisfilter
Bei einem Preisfilter gilt eine Kreuzung erst dann als bestätigt, wenn der Schlusskurs den KAMA um einen zuvor festgelegten Mindestabstand über- oder unterschreitet. Ein mögliches Regelwerk lautet beispielsweise:
- Bullische Bestätigung: Der Schlusskurs liegt nicht nur über dem KAMA, sondern mindestens einen festgelegten Prozentsatz darüber.
- Bärische Bestätigung: Der Schlusskurs liegt mindestens denselben Prozentsatz unter dem KAMA.
Bei stärker schwankenden Basiswerten kann ein größerer Filter erforderlich sein als bei Märkten mit geringen täglichen Bewegungen.
Zeitfilter
Bei einem Zeitfilter muss der Kurs nach einer Kreuzung für eine bestimmte Anzahl abgeschlossener Perioden auf der neuen Seite des KAMA bleiben. Ein kurzfristiges Überschreiten innerhalb einer einzelnen Kerze genügt dann nicht. Je länger die Bestätigungsphase gewählt wird, desto weniger empfindlich reagiert das Regelwerk – allerdings erfolgt der Einstieg entsprechend später.
Zwei KAMA-Linien verwenden
Eine zweite Möglichkeit besteht darin, einen reaktionsschnelleren und einen stärker geglätteten KAMA miteinander zu kombinieren. Dabei sind zwei Varianten verbreitet:
- Übergeordneter Trendfilter: Ein stärker geglätteter KAMA, beispielsweise KAMA(10, 5, 30), definiert die allgemeine Trendrichtung.
- Steigt diese Linie, werden nur bullische Kreuzungen des Kurses mit einem schnelleren KAMA, beispielsweise KAMA(10, 2, 30), berücksichtigt.
- Fällt die langfristigere Linie, werden entsprechend nur bärische Signale betrachtet.
- Direktes KAMA-Crossover: Kreuzt die schnellere KAMA-Linie die langsamere von unten nach oben, kann dies als bullisches Signal interpretiert werden. Ein Kreuzen von oben nach unten gilt entsprechend als bärisches Signal.
Die genannten Einstellungen sind Beispiele. Zwei KAMA-Linien reagieren weiterhin auf dieselbe Kursreihe und stellen deshalb keine voneinander unabhängigen Bestätigungen dar.
KAMA-Indikator – Stärken und Schwächen
Stärken
- Passt seine Glättung eigenständig an das Marktumfeld an – schnell im Trend, träge im Rauschen
- Reduziert Fehlsignale in Seitwärtsphasen deutlich gegenüber SMA und EMA
- Der flache Verlauf stellt Konsolidierungsphasen unmittelbar sichtbar dar
- Als Overlay direkt im Kurskontext lesbar, auch als dynamischer Stopp nutzbar
Schwächen
- Bleibt ein nachlaufender Trendindikator – Wendepunkte werden nicht vorhergesagt
- Reagiert nach längeren Seitwärtsphasen mit Verzögerung auf plötzliche Ausbrüche
- Drei Parameter erhöhen die Gefahr von Overfitting bei der Optimierung
- Die Efficiency Ratio unterscheidet nicht zwischen Aufwärts- und Abwärtsrichtung – reine Effizienz, kein Momentum
- Liefert keine Preisziele und keine Aussage über die Trendstärke im engeren Sinne
Mögliche Kombinationen mit anderen Indikatoren
Der KAMA entfaltet seine Stärke besonders in Kombination mit anderen Indikatoren der technischen Analyse:
- Average Directional Index (ADX): Der ADX quantifiziert die Trendstärke unabhängig von der Richtung und bestätigt damit, ob die vom KAMA angezeigte Trendphase tatsächlich Substanz hat.
- Relative Strength Index (RSI): Ergänzt die Trendinformation um eine Momentum-Perspektive und warnt vor überdehnten Bewegungen, in denen ein KAMA-Einstieg spät käme.
- Average True Range (ATR): Dient der Positionsgrößen- und Stopp-Bestimmung – der KAMA gibt die Richtung vor, der ATR den nötigen Puffer gegen Volatilität.
- Price Action / Kerzenmuster: Engulfing-Muster, Pin Bars oder Innenstäbe an der KAMA-Linie erhöhen die Belastbarkeit eines Kreuzungssignals erheblich.
- Support/Resistance (ggf. + Fibonacci-Levels): Fällt ein KAMA-Signal mit einer horizontalen Preiszone oder einem Retracement-Level zusammen, gewinnt es an Kontext und erlaubt ein enger definiertes Chance-Risiko-Verhältnis.
Hintergrund und Geschichte des KAMA-Indikators
- 1980er-Jahre: Perry J. Kaufman, quantitativer Analyst und Systementwickler, arbeitet an dem Grundproblem klassischer gleitender Durchschnitte: Kurze Perioden erzeugen Whipsaws, lange Perioden hinken Trendwenden hinterher.
- 1995: Kaufman stellt den Adaptive Moving Average in seinem Buch „Smarter Trading: Improving Performance in Changing Markets“ (McGraw-Hill) vor. Kernidee ist die Efficiency Ratio, die Marktrauschen messbar macht und die Glättung dynamisch steuert.
- Ab den 2000er-Jahren: Der Indikator wird in Standardwerken wie Kaufmans „Trading Systems and Methods“ ausführlich behandelt und findet über gängige Charting-Plattformen und Bibliotheken breite Verbreitung – bis hin zu Anwendungen in der akademischen Forschung zu adaptiven Trendfiltern.
Fazit zu KAMA
Der Kaufman’s Adaptive Moving Average ist ein durchdachter Kompromiss zwischen Reaktionsgeschwindigkeit und Glättung – und einer der wenigen Trendindikatoren, die das Marktumfeld selbst in die Berechnung einbeziehen. Er ersetzt keine Handelsstrategie, eignet sich aber als Trendfilter, als dynamische Stopp-Linie und als Instrument, um Seitwärtsphasen frühzeitig zu erkennen und in diesen schlicht nicht zu handeln.
Wer sich vertiefen möchte, findet die Originalherleitung in Perry J. Kaufmans „Smarter Trading: Improving Performance in Changing Markets“ (1995) sowie eine ausführliche Einordnung in sein Standardwerk „Trading Systems and Methods“.
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