Bollinger Bands – Erklärung, Berechnung & Beispiel

Autor: Philipp Berger

Die Bollinger Bands gehören zu den bekanntesten und am häufigsten eingesetzten Indikatoren der technischen Analyse. Sie kombinieren einen gleitenden Durchschnitt mit einem dynamischen Volatilitätsmaß und zeigen dem Händler auf einen Blick, ob der aktuelle Kurs relativ hoch oder niedrig ist. Damit eignen sie sich sowohl zur Identifikation von Extremzonen als auch zur Einschätzung der Marktvolatilität.

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Bollinger Bands im Überblick

Indikator-Steckbrief
Kategorie Volatilität
Typ Lagging (nachlaufend)
Darstellung Overlay auf dem Preischart (drei Linien: oberes Band, Mittellinie, unteres Band)
Standardparameter Periode: 20 (SMA), Standardabweichung: 2
Wertebereich Unbegrenzt – passt sich dynamisch an das Preisniveau an
Typische Zeitrahmen Intraday (5 Min – 4 Std), Daily, Weekly
Märkte Aktien, Forex, Futures, Kryptowährungen, Rohstoffe – universell einsetzbar
Entwickelt von John Bollinger, CFA, CMT – Anfang der 1980er-Jahre

Berechnung und Formel

Die Berechnung der Bollinger Bands erfolgt in drei Schritten.

  • Im ersten Schritt wird ein einfacher gleitender Durchschnitt (SMA) über die gewählte Periodenzahl berechnet. Er bildet die Mittellinie der Bollinger Bands.
  • Im zweiten Schritt wird die Standardabweichung derselben Schlusskurse über denselben Zeitraum ermittelt. Sie dient als dynamisches Maß für die aktuelle Marktvolatilität.
  • Im dritten Schritt werden das obere und das untere Band gebildet, indem die Standardabweichung mit einem Faktor multipliziert und zur Mittellinie addiert bzw. von ihr subtrahiert wird.

Schritt 1 – Mittellinie (SMA):

SMA = \frac{P_1 + P_2 + \dots + P_n}{N}

Dabei ist N die gewählte Periodenzahl (Standard: 20) und P der jeweilige Schlusskurs. Dieser gleitende Durchschnitt bildet das Zentrum der Bollinger Bands und dient gleichzeitig als Trendfilter.

Schritt 2 – Standardabweichung:

\sigma = \sqrt{\frac{1}{N}\sum_{i=1}^{N}(P_i - SMA)^2}

Die Standardabweichung misst, wie stark die einzelnen Schlusskurse vom Durchschnitt abweichen. Je höher die Volatilität, desto größer fällt σ aus – und desto weiter öffnen sich die Bänder.

Schritt 3 – Oberes und unteres Band:

\text{Oberes Band} = SMA + (k \times \sigma)
\text{Unteres Band} = SMA - (k \times \sigma)

Dabei steht k für den Standardabweichungs-Multiplikator (Standard: 2). Bei einer 20-Perioden-Einstellung mit k = 2 schließen die Bänder etwa 88–90 % aller Kursdaten ein. In der Praxis bedeutet das: Berührt der Kurs eines der äußeren Bänder, befindet er sich statistisch betrachtet in einer Extremzone.

Abgeleitete Kennzahl – %b

\%b = \frac{P - \text{Unteres Band}}{\text{Oberes Band} - \text{Unteres Band}}

%b zeigt die relative Position des Kurses innerhalb der Bänder an. Ein Wert von 1 bedeutet, dass der Kurs exakt am oberen Band liegt, ein Wert von 0 am unteren Band. Werte über 1 oder unter 0 signalisieren einen Ausbruch aus den Bändern.

Abgeleitete Kennzahl – BandWidth

\text{BandWidth} = \frac{\text{Oberes Band} - \text{Unteres Band}}{SMA}

BandWidth normiert die Breite der Bänder relativ zur Mittellinie und macht die Volatilität über verschiedene Kursniveaus hinweg vergleichbar. Besonders niedrige BandWidth-Werte deuten auf einen Squeeze hin – eine Phase extremer Volatilitätskontraktion, die häufig einer starken Kursbewegung vorausgeht.

Parameter-Einstellungen

Die Standardeinstellung von 20 Perioden und 2 Standardabweichungen stammt von John Bollinger selbst und bildet für die meisten Märkte und Zeitrahmen einen guten Ausgangspunkt.

  • Eine kürzere Periode (z. B. 10) macht die Bänder reaktionsschneller – sie folgen den Kursbewegungen enger und liefern häufigere Signale, allerdings mit höherer Fehlsignal-Quote.
  • Eine längere Periode (z. B. 50) glättet die Bänder und filtert kurzfristiges Rauschen, reagiert aber langsamer auf Trendwechsel.

Der Standardabweichungs-Multiplikator beeinflusst die Breite der Bänder direkt:

  • Ein höherer Faktor (z. B. 2,5) erzeugt breitere Bänder, sodass der Kurs seltener die äußeren Grenzen erreicht – die Signale werden weniger, aber zuverlässiger.
  • Ein niedrigerer Faktor (z. B. 1,5) verengt die Bänder und führt zu häufigeren Berührungen mit den Außenlinien.

Bollinger empfiehlt, bei einer Verkürzung der Periode auch den Multiplikator zu reduzieren und umgekehrt: z. B. 10 Perioden mit Faktor 1,9 oder 50 Perioden mit Faktor 2,1.

Hinweis: Die Standardeinstellungen dienen als Ausgangspunkt. Je nach Markt, Zeitrahmen und persönlichem Handelsstil können individuelle Anpassungen sinnvoll sein.

Signale und Interpretation

Bollinger Bands liefern keine absoluten Kauf- oder Verkaufssignale, sondern relative Informationen darüber, ob der Preis aktuell hoch oder niedrig einzuordnen ist. Diese relative Einordnung kann mit weiteren Indikatoren oder der Price Action kombiniert werden, um Handelsentscheidungen abzuleiten.

Kaufsignal

Ein bullisches Signal entsteht, wenn der Kurs das untere Bollinger Band berührt oder kurzzeitig unterschreitet und anschließend wieder in den Bereich zwischen den Bändern zurückkehrt. Dies deutet auf eine überverkaufte Situation hin.

Besonders aussagekräftig ist das sogenannte W-Bottom (W-Boden):

  • Der Kurs bildet ein erstes Tief nahe dem unteren Band, erholt sich, fällt erneut.
  • Das zweite Tief liegt zwar tiefer als das erste, hält aber oberhalb des unteren Bands.
  • Der Ausbruch über das Zwischenhoch bestätigt das Muster.

Verkaufssignal

Analog dazu wird ein bärisches Signal generiert, wenn der Kurs das obere Band berührt oder überschreitet und danach zurückfällt.

John Bollinger beschreibt hierzu das M-Top (M-Gipfel):

  • Der Kurs bildet ein erstes Hoch nahe oder über dem oberen Band, fällt zurück, steigt erneut.
  • Das zweite Hoch hält sich aber unterhalb des Bands.
  • Der Bruch der Zwischenunterstützung bestätigt das Verkaufssignal.

Squeeze – Volatilitätskontraktion

Ziehen sich die Bänder stark zusammen (erkennbar an einem niedrigen BandWidth-Wert), signalisiert dies eine Phase extrem niedriger Volatilität – den sogenannten Squeeze.

Ein Squeeze deutet häufig auf eine bevorstehende starke Kursbewegung hin, ohne jedoch die Richtung vorherzusagen. Händler warten hier auf einen Ausbruch über das obere Band (bullisch) oder unter das untere Band (bärisch) und nutzen zusätzliche Indikatoren zur Richtungsbestätigung.

Walking the Bands

In starken Trends „wandert“ der Kurs entlang eines der äußeren Bänder. In einem Aufwärtstrend berührt der Kurs wiederholt das obere Band, während das untere Band kaum getestet wird. Dies ist kein Verkaufssignal, sondern ein Zeichen von Trendstärke. Erst wenn der Kurs das gegenüberliegende Band erreicht, kann ein Trendwechsel in Betracht gezogen werden.

Divergenz

Divergenzen treten auf, wenn der Kurs ein neues Hoch (oder Tief) bildet, ein begleitender Indikator wie der RSI oder %b jedoch nicht bestätigt. Eine bärische Divergenz am oberen Band warnt vor nachlassender Aufwärtsdynamik, eine bullische Divergenz am unteren Band signalisiert mögliches Erholungspotenzial.

Hinweis: Die Bestätigung durch weitere Indikatoren oder Price Action erhöht die Zuverlässigkeit der Signale. John Bollinger selbst empfiehlt die Kombination mit zwei bis drei nicht-korrelierten Werkzeugen.

Bollinger Bands im Chart

Der folgende Chart zeigt den S&P Index Cash mit Bollinger Bands. Gut erkennbar sind die Phasen enger Bänder (Squeeze) vor dynamischen Ausbrüchen sowie die typische Ausweitung der Bänder in Trendphasen.

Beispiel: Bollinger-Bands-Signal beim S&P 500

An einem konkreten Beispiel soll die praktische Anwendung der Bollinger Bands veranschaulicht werden.

Ausgangslage:
Angenommen, der S&P 500 (SPX) notiert bei 5.850 Punkten und befindet sich seit mehreren Wochen in einem Aufwärtstrend. Die Bollinger Bands (20, 2) sind weit geöffnet, was die hohe Trendvolatilität widerspiegelt.

Indikator-Wert:
Der Kurs erreicht das obere Bollinger Band bei 5.920 Punkten. Der %b-Wert liegt bei 0,98 – der Kurs befindet sich also fast am oberen Rand der Bänder. Gleichzeitig beginnt der BandWidth-Wert zu sinken, was auf abnehmende Dynamik hindeutet.

Signal:
Es bildet sich ein M-Top: Der erste Anlauf an das obere Band bei 5.920 wird von einem Rücksetzer auf die Mittellinie (SMA bei 5.780) gefolgt. Der zweite Anstieg erreicht nur noch 5.890 und bleibt unter dem oberen Band. Der %b-Wert fällt vom ersten zum zweiten Hoch – eine Divergenz.

Aktion:
Ein Händler könnte dies als Warnsignal für eine mögliche Korrektur werten. Bestätigt ein zusätzlicher Indikator (z. B. nachlassende RSI-Werte) das Signal, bietet sich an, Gewinne teilweise mitzunehmen oder den Stop-Loss enger an die Mittellinie zu setzen. Der Bruch der Mittellinie bei 5.780 Punkten würde das bärische Szenario verstärken.

Hinweis: Das Beispiel dient ausschließlich der Veranschaulichung und stellt keine Handelsempfehlung dar.

Stärken und Schwächen

Stärken

  • Visuell intuitiv – die drei Linien sind auf einen Blick erfassbar und zeigen sowohl Trend als auch Volatilität
  • Dynamisch anpassungsfähig – die Bänder reagieren automatisch auf Veränderungen der Marktvolatilität, anders als statische Envelopes
  • Universell einsetzbar – funktioniert in nahezu allen Märkten und Zeitrahmen, von Intraday bis Monatscharts
  • Liefert durch den Squeeze ein wertvolles Frühwarnsignal für bevorstehende starke Kursbewegungen

Schwächen

  • Nachlaufend – basiert auf historischen Daten und kann Trendwechsel nicht voraussagen, sondern nur bestätigen
  • Keine isolierte Signalquelle – ein Berühren der Bänder allein reicht nicht als Kauf- oder Verkaufssignal aus
  • Fehlsignale in trendstarken Phasen – beim „Walking the Bands“ kann das Erreichen des oberen Bands fälschlicherweise als Überkauft-Signal missverstanden werden
  • Parameterabhängig – die Qualität der Signale variiert je nach gewählter Periode und Standardabweichung

Mögliche Kombinationen

Die Bollinger Bands entfalten ihre Stärke besonders in Kombination mit anderen Werkzeugen der technischen Analyse:

  • RSI (Relative Strength Index) – zur Bestätigung von Überkauft-/Überverkauft-Zonen an den äußeren Bändern
  • MACD – liefert Momentum-Signale, die einen Squeeze-Ausbruch richtungsmäßig einordnen
  • Volumenindikatoren (OBV, VWAP) – bestätigen, ob ein Ausbruch aus den Bändern von Handelsaktivität getragen wird
  • Stochastik-Oszillator – identifiziert Wendepunkte innerhalb der Bänder, besonders in Seitwärtsphasen
  • Price Action & Chartmuster – W-Bottoms und M-Tops erhalten mehr Gewicht, wenn sie durch Candlestick-Formationen bestätigt werden
  • Keltner Channels – die Kombination mit Bollinger Bands hilft, den Squeeze präziser zu identifizieren (Bollinger innerhalb der Keltner = Squeeze)

Hintergrund und Geschichte

  • 1960: Wilfrid Ledoux nutzt als einer der Ersten Kurvenpaare um den Dow Jones Industrial Average als langfristiges Timing-Instrument – die Frühform der Trading Bands.
  • Mitte der 1970er: Prozentualen Envelopes um gleitende Durchschnitte finden Verbreitung. Marc Chaikin schlägt vor, die Bandbreite so zu wählen, dass 85 % der Kursdaten des Vorjahres eingeschlossen werden.
  • 1983: John Bollinger stellt seinen Ansatz erstmals im Financial News Network (dem späteren CNBC) vor. Die Idee: Die Standardabweichung statt eines festen Prozentsatzes bestimmt die Bandbreite und macht die Bänder adaptiv.
  • 1992: Veröffentlichung des richtungsweisenden Artikels „Using Bollinger Bands“ im Fachmagazin Technical Analysis of Stocks & Commodities (Ausgabe 10:2).
  • 2001: Erscheinen des Standardwerks „Bollinger on Bollinger Bands“ bei McGraw-Hill – bis heute die umfassendste Referenz zum Thema.
  • Seit den 2000er-Jahren: Breite Adaption in allen gängigen Charting-Plattformen. Entwicklung erweiterter Kennzahlen wie %b und BandWidth sowie Integration in algorithmische Handelssysteme.

Fazit zu Bollinger Bands

Die Bollinger Bands sind ein vielseitiges und robustes Werkzeug der technischen Analyse, das Trend- und Volatilitätsinformation in einem einzigen Overlay vereint. Ihre Stärke liegt in der relativen Bewertung des Kursniveaus: Sie beantworten die Frage, ob der aktuelle Preis im historischen Kontext hoch oder niedrig ist, ohne dabei absolute Kauf- oder Verkaufssignale zu geben.

Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz ist die Kombination mit mindestens einem weiteren, nicht korrelierten Indikator sowie ein solides Verständnis der Marktstruktur. Wer sich vertieft mit dem Thema befassen möchte, findet im Standardwerk „Bollinger on Bollinger Bands“ (John Bollinger, McGraw-Hill 2001) die ausführlichste Darstellung direkt vom Entwickler.

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